Filmkritik: Hollywood vor der Selbstzensur, Teil 2: „Female“ (1933) (DVD)

1010 0 1 28. Januar 2010
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Nunmehr habe ich den zweiten Film der Box „Forbidden Hollywood“ (Vol. 2) gesehen, die Filme vor dem Inkrafttreten des ultrastrengen und moralinsauren „Hays Code“ versammelt (zu beziehen über amazon.com oder ebay, engl. mit engl. u. frz. UT, Bild gut, Ton hier durchschnittlich, aber für einen sehr alten Film gut). „Female“ ist ein straff erzähltes Produkt der Warner Brothers, bei denen ziemlich kurze, schnell aber effektvoll heruntergekurbelte Filme damals keine Seltenheit waren. Doch von den gerade einmal 60 Minuten kann man die letzten fünf vergessen, was das Übrige ein bißchen herunterzieht. Denn ansonsten ist der Film gelungen und rechtfertigt in jeglicher Hinsicht die Aufnahme in die Sammlung: Hier kommen nicht nur mal am Rande, sondern im Zentrum Dinge vor, die später nicht mehr durch die Zensur gegangen wären.

Ruth Chatterton, deren Starruhm leider schnell verblassen sollte, spielt die knallharte Chefin eines großen Automobilkonzerns. Das wäre bereits unerhört genug, aber hinzu kommt, dass auch beim Personal die Geschlechterrollen umgekehrt sind, bis hin zu männlichen Sekretären (die aber bald durch Frauen ausgewechselt werden, weil die Männer sich immer in ihren Boss verlieben). Und der Gipfel ist, dass sich diese Frau nicht nur nimmt, WAS sie will, sondern auch, WEN sie will. Dienstbesprechungen mit einzelnen Mitarbeitern verlegt sie in ihr Privathaus (ein herrliches Art-Deco-Design der Dreißiger übrigens), um sie dort – man sollte das so nüchtern sagen, wie es ist – aufzureißen und durchzuziehen. Natürlich ist das kein Softporno, 1933 genügten elegante Kleider, die richtigen Augenaufschläge und Handbewegungen, die Dienstboten liefern Vodka auf Knopfdruck, die Chatterton wirft ein Kissen auf die Chaiselonge, und Abblende. Was gemeint ist, ist klar. Und durfte in späteren Jahren nicht mehr gemeint sein. Der Film zeigt diesen Vorgang mehrere Male, Chatterton benutzt Männer als Sexobjekt, das nach Bedürfnisbefriedigung auch wieder abgelegt wird. Mit Kinder, Küche, Kirche hat sie nichts am Hut. Das Ganze wird vom späteren „Casablanca“-Regisseur Michael Curtiz mit schnellen Montagen, hinreichenden Andeutungen, deutlichen Worten und Gesten und einigen netten optischen Einfällen gezeigt (die bei Curtiz fast immer mit Spiegeln zu tun haben).

Der ganze erste Teil des Filmes hat mich begeistert, weil er so unsagbar frech ist in dieser rücksichtslosen Darstellung einer Macha, und weil der Film deutlich sagt, dass die Männer im Grunde willenlose schwanzgesteuerte Idioten sind, die das mir sich machen lassen, sobald die wirklich verführerische Chatterton einmal mit den Wimpern klimpert. Das ist erfrischend anders gegenüber der Darstellung der Frau in der seinerzeitigen populären Kultur, vielleicht waren es ja noch die Nachwehen der wilden Zwanziger, in denen der Frauentyp des „Flappers“ sich ebenfalls genommen hat, was ihm beliebte. Hier geschieht es aber im Gewande der Businesswoman, was noch eindrücklicher vor Augen führt, dass es viele Männer auch nicht anders handhaben. Man kann diesen Film also als Plädoyer für Gleichberechtigung sehen.

Dann aber bekommt er noch eine zweite Ebene, und am Schluss einen unguten Beigeschmack. Ersteres besteht darin, dass hier nicht nur eine bedingungslos selbstbewusste Frau als Mann-Imitator gezeigt wird, sondern diese gleichzeitig feminin ist. Sie hat weibliche Reize, sie weiß es, sie weiß sie einzusetzen und sie spielt gerne damit sowie mit Männern. Sie kann (fast) jeden haben, und genau deswegen greift sie zu. Das macht sie wiederum ambivalent, zeigt eine dunkle Seite und führt zu einem vielschichtigeren Frauenporträt, als man zunächst denkt. Diese Frau scheint Menschen, insbesondere Männer, nicht besonders gerne zu mögen. Sie reißt sie auf und sammelt Trophäen, doch gleichzeitig hält sie sie für willenlose Weicheier. Das macht’s paradox: Ihr Erfolg bei der Männerjagd steigert gleichzeitig ihre Verachtung für das sogenannte starke Geschlecht. Klar, dass das zu einer inneren Unruhe führen muss.

Und wie löst der Film das auf? Furchtbar! Natürlich wird sie einen Kerl treffen, an dem sie sich zunächst die Zähne auszubeißen scheint (George Brent). Es ist ja ganz erfreulich, dass nicht immer alles nach Schema F verläuft, aber der passable Schauspieler Brent kann einfach nicht verdecken, dass seine Rolle schlecht geschrieben ist. Erst ist er von den Verführungsversuchen unbeeindruckt – das ist okay. Dann erklärt er das mit archetypischen Machismen: „Ich gehe gern selbst auf die Jagd“ – das ist schon gewöhnungsbedürftig. Danach gaukelt die Chatterton dem Brent ein hilfloses Frauchen vor, um ihn doch noch zu kriegen – das ist konsequent. Hierauf springt der Brent schließlich an – das ist ebenfalls konsequent, aber damit ist er als 08/15-Macho beim Zuschauer unten durch. Und selbst, wenn man da nicht so hohe Ansprüche stellt: Bei der Chatterton müsste er auf jeden Fall unten durch sein, denn solche Typen, die man mit List und Tücke schließlich doch noch in die Kiste zerren kann, von denen hatte sie doch eigentlich die Nase gestrichen voll. Dass sie sich in so einen unsterblich verlieben soll, habe ich als völlig unglaubwürdig empfunden. Trotz eines starken ersten Teils geht die Romanze am Ende völlig daneben.

Man kann sich noch einen Moment fragen, ob der Film die nun befürchtete hausbackene Auflösung nicht doch abwendet. Ich verrate es hier nicht, aber die Platitüden im Dialog und im Bild sind gegen Ende schwer zu ertragen. Selbst angesichts der Entstehungszeit musste es nicht sein, dass Brent wörtlich sagt, die Frau als solche sei für Liebe, Heirat und Kinder nun einmal geschaffen – ganz ohne Ironie. Waren die ersten drei Viertel des Filmes bloß deswegen ein so gigantisches Luftschloss, weil das beim Zusammenprall mit dem traditionellen Gegenbild so schön brutal ab- und einstürzen kann? Brent und Chatterton hatten sich (die Chefin wollte mal inkognito the simple life kennenlernen) auf einem Jahrmarkts-Schießplatz in einer miesen Gegend incl. Bordsteinschwalben (nur vor der Zensur-Einführung zeigbar) kennengelernt. Sie schossen beide annähernd gleich gut. Dann sagte Brent, er gehe gern selbst auf die Jagd, anstatt sich jagen zu lassen. Am Ende ist er wieder auf so einem Schießplatz und knallt Blechhasen auf einem Laufband ab, die Chatterton schießt nicht, sondern bettelt ihn an. Was für eine Metaphorik. Immerhin künstlerisch eine ganz geschickte durchgängige Illustrierung der Dinge, die die Protagonisten hier antreiben, und wie sich die Akzente verschieben. Doch am Ende kein Treffer ins Schwarze – schade! Weil der Film aber über weite Strecken „unerhört“ gut ist, noch über die Hälfte der Punkte.

Fazit

1933 ein kurzer Film über eine männerverschlingende Karrierefrau – das allein bringt schon Sympathiepunkte. Der Widerspenstigen Zähmung ist hingegen schwach.

Gesamtwertung

62%

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