Filmkritik: Hollywood vor der Selbstzensur, Teil 1: Three on a Match (1932) (DVD)

866 0 1 27. Januar 2010
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Titel:Three on a Match [VHS]
EAN:9786302041101

„Three on a Match“ ist ein Film, der in Vol. 2 der Kollektion „Forbidden Hollywood“ erhältlich ist (engl. mit engl. u. frz. UT, gute Qualität). Ich werde in der nächsten Zeit alle fünf Filme der Kollektion kurz vorstellen. Worum geht es dabei? Mutmaßlich ausgelöst durch freizügige Darstellungen der Film- und Theater-Sexbombe Mae West, entschlossen sich die Hollywood-Studios 1934, etwaigen Repressalien zuvorzukommen, und führten eine Selbstzensur ein. Nach dem ersten Vorsitzenden der Zensurbehörde wurden die nun geltenden Auflagen der „Hays Code“ genannt, in dem penibel geregelt war, was im Film gezeigt werden konnte und was nicht. Auch die seltsame Gepflogenheit, dass selbst verheiratete Paare nie ein Doppelbett, sondern zwei durch Nachtkästchen getrennte Einzelbetten hatten, beruht auf dem Hays Code. Sex kam nicht vor, und wenn doch, dann musste er wenigsten im Falle der Außerehelichkeit bestraft werden. Moralkodizes allenthalben, an Penibilität kaum zu überbieten. Bei den vorliegenden Filmen geht es um Tonfilme, die kurz VOR dieser Zeit entstanden sind, etwa von 1930-33. Dass der Code derart penibel war, bringt es mit sich, dass Filme, die dagegen verstoßen hätten, keineswegs stets versaut sein müssen. Es gab zwar auch die schillernden Revuefilme mit sehr viel Bein und nahezu durchsichtigen Kostümen der Girls, doch darin erschöpften sich die Freiheiten der “pre code area“ nicht. Gerade „Three on a Match“ ist ein Film, in dem es keine vordergründigen weiblichen Reize zu sehen gibt. Aber er erzählt eine kleine, feine Geschichte, in der die Zensurfreiheiten im positiven Sinne für einen Gewinn an Vielschichtigkeit und ein Minus an moralischem Zeigefinger genutzt wurden.

Das ist natürlich keine große Kunst, aber recht interessante Handwerkskunst mit einer beliebten Ausgangssituation: Drei Personen, in unserem Fall weiblichen Geschlechts, drücken zusammen die Schulbank und sehen sich nach Jahren wieder. Sie waren schon immer sehr verschieden, standen sich keinesfalls besonders nahe, aber das gemeinsam Erlebte verbindet sie eben doch. Über die Jahre hat es das Schicksal ganz verschieden mit ihnen gemeint, und der Film ist für sein Alter erstaunlich frisch darin, wie er beschreibt, dass sich die Verhältnisse umkehren können. Es gab die Klassenprima, die Beliebteste und die Aufmüpfige, die sich die Jungs angelte und mit dem Lernen nicht viel anfangen konnte. Wenn Erstere (Bette Davis in einer Nebenrolle) lediglich auf eine „business school“ gehen kann, um Sekretärin zu werden, so sagt der Film neben vielem anderen auch, dass Frauen in dieser Zeit nichts zu melden hatten. Als sie beim Wiedersehen gefragt wird, was sie arbeite, sagt sie: „Gar nichts, wenn ich nicht gleich wieder ins Büro aufbreche.“ So sollen die Zukunftsaussichten einer Eliteschülerin aussehen? Wichtige Details in diesem Zusammenhang: Bei der Abschlussfeier bekommt die Klassenprima ihr Diplom erst NACH dem Klassenprimus, das ist offenbar auch ihre Position. Wenn die Jahre vergehen, wird dies (das war für die Warner Studios damals typisch) anhand von wichtigen politisch-gesellschaftlichen Ereignissen in Zeitungsschlagzeilen begleitet. So weist der Film auch einmal auf die Einführung des Frauenwahlrechts hin. Nicht nur anhand der Figur von Bette Davis wird der Film um die Frage kreisen, was für eine Wahl denn unsere drei Protagonistinnen haben.

Stärker im Zentrum stehen die von Ann Dvorak und Joan Blondell gespielten Frauen. Dvorak (ehemals die „Beliebte“) hat als Einzige geheiratet, einen reichen, gutherzigen Rechtsanwalt, und doch ist sie nicht glücklich. Dass sie ihren Mann betrügt, obwohl es oberflächlich betrachtet keinen Grund dafür gibt, mag einer der Gründe dafür sein, dass dieser Film zwei Jahre später wohl nicht mehr zensurtauglich gewesen wäre. Hingegen hat die Frau, die erst Schrecken der Schule und dann Insassin in einer Besserungsanstalt war (Joan Blondell), eine offenbar ansehnliche Schauspielerinnenkarriere angegangen und führt noch am ehesten ein selbstbestimmtes Leben – quel scandal!!! Doch solche Aussagen heben den Film über die teils moralinsauren späteren Hollywood-Jahre.

Es kommt dann zu ein paar dramatischen Ereignissen, in denen am Rande auch der junge Humphrey Bogart eine Rolle spielt. Hierbei ist der Film gar nicht einmal so unmoralisch, aber er verurteilt weder Ann Dvorak wegen ihres jetzigen noch Joan Blondell wegen ihres vorherigen Lebens. Es ist kein Film, der die Welt verändert, aber einfach eine schöne Geschichte erzählt. Eine Geschichte um Freundschaft, Identitätsfindung, Selbstbehauptung, fast wie ein Märchen: Es waren einmal drei Mädchen, die gingen hinaus in die Welt… Und drehen sich Märchen nicht auch immer um eine ganz spezielle Suche, die Schicksal, Scheideweg, Bewährung, Umschwung, Tod oder Rettung für jemanden bedeuten kann? Ganz märchenhaft sicher und bar jeglichen Kitsches (sieht man vielleicht von dem ca. vierjährigen Kind Ann Dvoraks und dem leicht moralischen Ende ab) wird diese Geschichte erzählt. Wie im Märchen hat die Zahl Drei eine prägende Bedeutung. Drei Freundinnen, eine Dreieckssituation, Drei als Zahl der Ein-Kind-Familie, in der Dvorak zunächst lebt. Der Titel des Films enthält ebenfalls die Zahl Drei und wird durch eine Zeitungsschlagzeile wie folgt erklärt: „Three on a match means one will die soon“ („drei sind einer zuviel“?) heiße nicht, dass man im Krieg den Feind auf sich lenke, wenn man ein Streichholz so lange brennen lasse, dass man drei Dinge damit anzünden könne. Vielmehr sei der Spruch gezielt als Verkaufstrick lanciert worden, auf dass der Kunde seine Streichhölzer schneller verbrauche und neue benötige. Eine etwas seltsame Erklärung, doch auch die Verbundenheit unserer drei Freundinnen wird durch das Zigarettenanzünden mit ein und demselben Streichholz ausgedrückt. Böses Omen oder Ammenmärchen? Die drei wollen jedenfalls ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Wenngleich diese sympathische Einfachheit der Ausgangslage mich an ein Märchen erinnert hat, der Stil des Filmes ist überhaupt nicht danach. Das ist ein ganz und gar erdverbundener Warner-Brothers-Film, sehr straff in nur 63 Minuten erzählt und immer am Puls der Zeit und der Realität. Neben der erwähnten Verknüpfung mit gesellschaftlichen Trends als Marksteine der vergehenden Jahre (Nennung vieldeutiger aktueller Songtitel, Prohibition, neue Mode der Zwanziger, Jack Dempsey wird Schwergewichtsweltmeister, Einführung des Frauenwahlrechts, „große Depression“ etc.) gibt es eine angenehm kecke, schnodderige Sprache, wo es passt. Als sich die Schulabgängerinnen über ihre möglichen weiterführenden Schulen unterhalten, heißt es, Blondell gehe bestimmt auf eine „reform school“ (Besserungsanstalt) – was sie dann auch unfreiwillig tut. Als Dvorak ihren Schulkameradinnen einen erotischen Roman vorliest, dessen Kapitel 6 mit einem leidenschaftlichen Kuss endet, fragen sich die Mädchen, was wohl in Kapitel 10 passiert – auch Dvorak wird später in ihrem goldenen Ehekäfig nicht zufrieden sein und im Buch ihres Lebens Kapitel 10 aufschlagen. Nachdem ihr Liebhaber Schulden bei Gangstern mit einem ungedeckten Scheck zahlen wollte und fragt, ob der Scheck etwa geplatzt sei, antwortet einer der Gangster: Sicher, wenn man einen Golfball vom Chrysler-Gebäude würfe, würde der genauso offensichtlich „platzen“ (engl.: to bounce = hüpfen, nach dem Aufprallen hochspringen, bei Schecks: „platzen“, d.h. nicht eingelöst werden können). Bereits 1932 leistet sich der Film eine für Warner Brothers ebenfalls typische politische Anspielung. Eine Mitinsassin in der Besserungsanstalt rät Joan Blondell (eigene sinngemäße Übersetzung): “Hat Dich ein Mann hierher gebracht? Stell Dir nicht die ganze Zeit vor, wie Du ihn am liebsten behandeln würdest, wenn du Mussolini wärst.” Von solch frischer Vitalität ist der ganze Film. Kein großes Drama, aber ein kleines Juwel.

Fazit

Kleines Drama um drei Schulfreundinnen und ihr Streben nach Glück. Erkennbar schell produzierte Kost, aber bei Warner Brothers verstand man sein Handwerk, und die Macher füllten die 63 Minuten prall und recht originell.

Gesamtwertung

82%

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