Filmkritik: Hollywood vor der Selbstzensur, Teil 3: A Free Soul (1931) (DVD)

1044 0 0 29. Januar 2010
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Titel:A Free Soul [VHS]
EAN:9786302004465

Wieder ein Griff in die Kollektion „Forbidden Hollywood“ (Vol. 2), die Tonfilme der frühen 30er Jahre versammelt. Diesmal geht es um „A Free Soul“ (USA 1931, 93 Min., Regie: Clarence Brown, mit: Norma Shearer, Lionel Barrymore, Leslie Howard, Clark Gable, engl. mit engl. u. frz. UT, Bild gut, Ton angesichts des Alters ebenfalls). Man sieht in „A Free Soul“ bereits in der ersten Szene, warum dieser Film vor Einführung des „Hays Code“, einer strengen Selbstzensur Hollywoods, entstanden sein muss, denn er führt gezielt-provokativ auf eine falsche Fährte. Ein älterer, offenbar wohlhabender Mann (Lionel Barrymore) ist zusammen in einer schicken Suite mit einer jungen Frau – die Szenerie hat etwas von einmaliger Außerehelichkeit… Er reicht ihr Dessous unter die Dusche, man frotzelt, mit wie wenig Stoff Damenunterwäsche heutzutage auskomme, man schäkert, hat sich offenbar lieb, und dann noch diese unerhörte Erwähnung, dass man gerade erst einen Tag zusammen sei. Obwohl sich schnell herausstellt, dass es Vater und Tochter sind, die sich wiedergetroffen haben, wäre eine solche Szene ein paar Jahre später wohl kaum durch die Zensur gegangen.

Was für eine Ausgangslage! Und doch kann der Film nicht vollständig überzeugen, wenngleich die Geschichte Interesse weckt. Die Tochter (Norma Shearer) ist die titelgebende „free soul“. Ihr alleinerziehender Vater hatte ihr beigebracht, selbstbewusst, alleinverantwortlich und unabhängig ihr Leben zu leben, und sie ist ihm in Liebe und Dankbarkeit zugetan. Shearer verkörpert einen modernen Frauentyp, der anderes als Heiraten und Kinderkriegen im Sinn hat. Doch wie das im Unterhaltungsfilm so ist, wird sie Männer im Plural kennenlernen. Etwas zu archetypisch und klischeehaft stehen sich der distinguierte Oberschichten-Polospieler Leslie Howard und der rohe Zocker und Gangster Clark Gable gegenüber (Howard spielte übrigens auch in „Vom Winde verweht“ an Gables Seite, bevor ein Flugzeugabsturz oder -abschuss seine Karriere viel zu früh beendete). Ersterer, so erfahren wir, wirbt schon lange um sie, letzterer braucht nur einmal in seiner virilen Männlichkeit zu erscheinen, um Shearer zu irritieren. Immerhin ist der Film nicht so platt, dass er die Emanzipierte auf ein Schnippen von Gable dahinschmelzen lässt. Die abschätzige Behandlung Gables durch Shearers dünkelhafte Familie und eine gewisse Lust auf abenteuerliche Halbwelt führen die beiden aber schließlich zusammen – nachdem sich Shearer gerade mit Howard verlobt hatte. Im ersten Drittel des Filmes ist sie mal bei dem einen, mal bei dem anderen. Und zwischen den Zeilen ist zu lesen, dass sie mindestens mit Gable vorehelichen Sex hat (wenn es in einer Gerichtsszene am Ende um ihren „Ruf“ geht, wird dies bestätigt). Auch dies ist so eine Geschichte, die nach Einführung der Zensurbestimmungen gar nicht oder allenfalls unter „Bestrafung“ mit einem schlimmen Schicksalsschlag möglich gewesen wäre. Doch hier kann man sich an einem Porträt einer um Selbstbestimmung ringenden, in der Liebe aber unentschlossenen Frau erfreuen – und ihre Unentschlossenheit auch gut nachvollziehen: Da sie so erzogen wurde, dass ihr niemand das Denken und Handeln abnehmen soll, muss sie ihre Erfahrungen halt selbst machen, und da fallen Entscheidungen nicht immer leicht.

Die Geschichte geht interessant und dramatisch weiter und bekommt gottlob keine konventionelle Kehrtwende. Eingefleischte Gable-Fans werden sich vielleicht daran gewöhnen müssen, dass dieser Mann mit seiner zupackenden Art irgendwann bei der Shearer nicht mehr weiterkommt, aber das ist angesichts ihrer oben beschriebenen, erfreulichen Charakterisierung passend. Lassen Sie sich einfach mal überraschen, ob wer wen wann wie wieso warum „kriegt“. Die Geschichte hat ein paar Trivialitätsmomente, ist aber unterm Strich stark und vielschichtig, gerade auch durch das Hinzutreten der intensiven Vater-Tochter-Beziehung, die mit allem anderen in komplexen Zusammenhängen steht.

Was leider nicht so gut ist, ist mitunter die Erzählweise. Stärker als in späteren Zeiten hat die Ästhetik und den Look eines Filmes damals geprägt, in welchem Studio er entstanden war. Dies ist ein Produkt der Edelschmiede Metro-Goldwyn-Mayer (die mit dem Löwen). Natürlich ist Metro technisch versiert, Metro hatte elegante Sets, elegante Roben, einen Sack voller Topstars, big budget und fantastische Ausrüstung. Man drehte damals nur im Studio und überbot sich gegenseitig darin, dort völlig neue, eigene Welten zu schaffen. Metro war darin herausragend, vergaß aber gelegentlich, den Bezug zur Welt außerhalb der Studios herzustellen. Filme der Warner Brothers aus den frühen 30ern waren oft nur wenig länger als eine Stunde, waren schnell geschnitten, kostengünstig (nicht billig) gedreht, strotzten vor frecher, flotter Vitalität, waren am Puls der Zeit und stellen dies oft durch Dinge wie Zeitungsschlagzeilen heraus. Nicht so die Metro. Der vorliegende Film ist 93 Minuten lang, hat fast keine Überblendungen, keine schnellen Montagen, sondern hangelt sich von Szene zu Szene per verlangsamender Auf- und Abblende. Vielleicht lag es ja an der zu Beginn des Tonfilm noch besonders schweren Kameraausrüstung, dass der Film gelegentlich etwas schwerfällig wirkt. Schwenks und Schienenfahrten der Kamera sind zwar schon enthalten, aber oft wirkt alles noch ein bißchen statisch. Eine Szene erstreckt sich über ein paar Minuten, Personen sind oft in der Totalen oder in halbnahen Einstellungen gefilmt, wo ein Schnitt zu einer Großaufnahme einen dramatischen Akzent hätte setzen können (etwa, wenn Barrymore in Gables Spielsalon niedergeschlagen wird). Manchmal gibt es zwar herrlich ausdrucksstarke Aufnahmen (etwa wenn Shearer und Howard bei einem emotionalen Höhepunkt miteinander reden und die Münder durch Gegenstände verdeckt werden, so dass man hauptsächlich die Augen sieht). Aber jede Szene steht für sich, ist einheitlich gestaltet und bleibt sich darin durchgängig treu. Dynamik ist anders!

Ein solches statuarisch schönes Kino kann man sich vielleicht mit einem statuarisch schönen Ausnahmestar wie Greta Garbo leisten. Norma Shearer ist attraktiv, nicht schlecht und hat einige kraftvolle Szenen, aber gelegentlich übertreibt sie es mit der Theatralik ein bißchen. Speziell im ersten Streit mit dem Vater um ihre Verbindung zu Gable kommen die gestisch-mimischen Mätzchen so auffällig und künstlich daher, dass mir wieder ins Bewusstsein kommt, warum ich den Stummfilm im Allgemeinen nicht mag. „A Free Soul“ hat noch, wie so mancher früher Tonfilm, an den exzentrischen Exzessen des Stummfilm-Schauspielstils zu laborieren. Es ist bezeichnend, dass sich die beiden Darsteller am besten machen, die noch keine Stummfilmkarriere hatten: Clark Gable und Leslie Howard. Shearer hat (zum Glück nicht allzu oft) die erwähnten Schwächen, und Lionel Barrymore ist eine Katastrophe. Einen dermaßen outriert, langsam, gekünstelt, händeringend redenden Mann hat man auf der Leinwand selten gesehen, dagegen ist Robert de Niro ein Minimalist. Und er „darf“ viel reden, der Barrymore, er hat eine psychologisch wichtige Rolle als Vater – die er vergeigt. Vielleicht konnte er es besser und wurde nur schlecht geführt, aber Metro scheint hier wirklich die Bodenhaftung verloren und geglaubt zu haben, dem Publikum eine ganz eigene Kunst-Welt verkaufen zu können. Doch das klappt nicht, auch in ein paar anderen Aspekten nicht. So interessant die personellen und psychologischen Konstellationen sind, so hanebüchen sind die kleinen Aufhänger am Rande, die man nun einmal braucht, um daran seine Geschichte festzumachen. Gable wird in einem Mordprozess freigesprochen, weil der am Tatort gefundene Hut ihm viel zu klein ist – das soll der Überraschungstrick des Strafverteidigers sein, das hat die Polizei nicht bei den Ermittlungen bemerkt, darauf hatte der Angeklagte niemals selbst hingewiesen?! Gangster wollen Gable umlegen und durchsieben ein Diner; die Löcher sind auf einer dünnen Wand zu sehen, und der Mann dahinter ist genauso schockiert wie quicklebendig?! Strafverteidiger Barrymore erklärt am Ende in einem an knallchargierender Theatralik nicht zu überbietenden Plädoyer die gesamte Psychologie der Beziehungen zwischen den vier Hauptpersonen – der Richter lässt sein Gericht als Bühne missbrauchen, wo es längst nicht mehr um die Verbrechensaufklärung geht?! Nein, im Großen ist der Film edel, aber im Kleinen schlampig, und er hat mich nicht dermaßen überwältigt, dass mir – was gelegentlich durchaus einmal vorkommt – gewisse Fragen der logischen Stringenz völlig egal gewesen wären. Somit ein Film mit Licht und Schatten.

Fazit

Interessantes Frauen- und Vater-Tochter-Porträt. Wie bei manchem frühen Tonfilm ist die Erzählung ist gelegentlich steril und zäh, aber das Erzählte weiß zu gefallen, und daher gibt es mehr als die Hälfte der Punkte.

Gesamtwertung

60%

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