Der Regenbogen (DVD)

5525 1 0 24. Januar 2010
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Titel:The Rainbow - Der Regenbogen
EAN:4047879400865
USK:Freigegeben ab 16 Jahren
Label:Indigo
Release:2009-11-13

Der Regenbogen (Drama, GB 1989, Regie: Ken Russell, mit Sammi Davis, Glenda Jackson, David Hemmings u.v.a., 110 Min., deutscher und englischer Ton, ohne Untertitel, als Extras div. Trailer, technische Qualität gut)

Am Anfang des 20. Jahrhunderts in England auf dem Lande. Die dreijährige Ursula erblickt einen Regenbogen und läuft voller Freude hinter ihm her. Ihr Vater (Christopher Gable) muss sie zurückhalten, damit Ursula nicht gleich in den Fluß läuft und ertrinkt. Es ist klar: Ursula will den Regenbogen und alles, was sich so ein Kinderherz davon verspricht – alles vom Leben. Einen schalen Ersatz (ein bunt bestrichenes Toastbrot) akzeptiert sie nicht. Alles oder nichts, koste es, was es wolle. Und in der Familie bzw. im Familienheim wird sie es nicht bekommen, das deutet der Film schon in beiläufigen Konversationen der Eltern an. Wer hat das Tor offengelassen, wer hat zu viel zu schuften, um sich um alles zu kümmern? Es ist ein stressiges Leben in der Familie, begleitet von den kleinen Vorwürfen und Kabbeleien des Alltages – und wir können schon jetzt einen emanzipatorischen Trend vermuten: Die Mutter (Glenda Jackson) wird offenbar eingeengt, im Haus und in ihrer Rolle. Doch Ursula will den Regenbogen, auch wenn der jenseits eines Flusses liegt…

So beginnt das vorliegende Drama, es folgen die Credits, und der Hauptteil begleitet Ursula (nun Sammi Davis) in der Zeit, in der sie ca. 17 bis 19 Jahre alt ist. Der Film beruht auf einem Roman von D. H. Lawrence, den ich leider nicht gelesen habe, aber es scheint ein großartiger, vielschichtiger und gleichzeitig hochemotionaler Entwicklungsroman um diese Ursula zu sein. Sie steht im Zentrum, sie muss sich orientieren, sie muss ihren Weg, ihren Regenbogen finden. Und dabei schonen sie der Romanautor, der Filmregisseur und sämtliche Nebenfiguren nicht. Ken Russell wird gelegentlich als Regie-Exzentriker bezeichnet, hier scheint er sich zunächst zurückgenommen zu haben und einen sanften ruhigen Film mit sanfter ruhiger Musik zu präsentieren. Doch dunkle Töne sind nicht nur zwischen den Zeilen oder Bildern zu vernehmen, sondern sie schälen sich auch an die Oberfläche, brechen gelegentlich unvermittelt hervor und machen dieses Drama zu einer innerhalb des Genres eher harten Kost. Bei allem ist der Film klug und komplex und verweigert einfache Gut-Böse-Zuschreibungen und einfache Lösungen. Dass die Erwachsenwerdung und Sinnsuche von Ursula keine einfache Sache ist, weil vieles nicht so ist, wie es scheint und jedes Ding zwei Seiten hat, verdeutlichen Lawrence/Russell anhand nahezu aller Nebenfiguren. Und sie plädieren ganz entschieden damit für die Suche nach einem selbstbestimmten Leben, vor allem nach einem selbstbestimmten Leben einer Frau. Dieser Stoff und seine filmische Umsetzung sind massiv feministisch, aber nicht auf plumpe Art. Ein paar Beispiele mögen dies verdeutlichen. So gibt es mannigfaltige Dialoge, die die Unvollkommenheiten und den Dominierungswillen der Männer kritisch thematisieren und kein gutes Haar am „starken Geschlecht“ lassen. Dabei geht es aber nie um einen Geschlechterkampf, sondern allein um Selbstdefinition. Wer bin ich? Wie definiere ich mich? Welches ist meine Bestimmung, mein Platz im Leben? Was heißt es in diesem Zusammenhang, zu lieben und geliebt zu werden? Dies sind Fragen, bei denen Ursula sehr schnell feststellen muss, dass Frauen sie selten ohne Bezugnahme auf die Männer oder speziell einen Mann beantworten können. Das möchte sie aber nicht. Egozentrisch wirkt das keine Minute, sondern im positiven Sinne emanzipatorisch, denn nichts anderes nehmen sich Männer in den tradierten Rollen ebenfalls heraus. Sprüche wie „Eine Frau wird erst durch die Heirat zu einer Frau“ und Ähnliches bringen zum Ausdruck, worin Ursulas Problem und Ursulas Sinnsuche bestehen. Man gönnt ihr den Erfolg.

Niemand ist perfekt

Man gönnt Ursula den Erfolg, weil sie auch nicht die perfekte Frau im Kampfe gegen eine verlogene Männerwelt ist. Vielmehr macht sie ihre Fehler und zeigt in ihrem Reifeprozess verständliche Unsicherheiten. Hinzu kommt, dass auch die meisten anderen Personen seltsam ambivalent sind, und zwar auch diejenigen, die man zunächst auf Ursulas Seite wähnt, auch die Frauen. Als Ursula noch Schülerin ist, nimmt sie die junge Sportlehrerin Winifred (Amanda Donohoe) unter ihre Fittiche. Winifred scheint für Ursula zunächst Freundin und Vorbild im Kampf um ein selbstbestimmtes Leben zu sein und hat wirklich eine Menge kluger Einsichten drauf. Aber wie sie Ursula zu lesbischen Spielchen verführt und dominiert, da tut sie ihr Gewalt an, da nutzt sie ein nicht nur psychisches Abhängigkeitsverhältnis aus. Früher nannte man juristisch die Beziehung von Schülern zur auch durch Lehrer repräsentierten Hoheitlichkeit ein „besonderes Gewaltverhältnis“… Winifred kontrolliert und dominiert einen Menschen so, wie sie es sich von den Männern aufs Schärfste verbittet. Um dann Ursulas Onkel Henry (David Hemmings, immer noch der fleischgewordene Hedonismus à la „Blow Up“ [1966]) zu heiraten, mit dem Ursula tiefgehende Differenzen hat: Henry nimmt sich im Leben, was er braucht bzw. was er will, und er schützt es ohne Rücksichten. Als Eigner von Kohleminen verantwortet er, dass hunderte von Arbeiter zu seinerzeit sicherlich noch viel unerträglicheren Bedingungen schuften. Tiere als Symbol für die Achtung vor Mit-Geschöpfen haben da nichts zu lachen: Nachtigallen kommen in die Grube, und wenn Gas austritt, sind sie sofort tot, aber die Arbeiter sind gewarnt und können sich noch retten. Frettchen werden eingesetzt, um Kaninchen zu töten und Henrys prächtige Salatköpfe im Garten zu schützen. Die Arbeiter sind genauso Eigentum wie die Salatköpfe, die Ursula in einer Szene trotziger Wut zertrampelt. Wir sehen in einer Rückblende, dass sie schon als Kleinkind Kaninchen geliebt hat.

Die Schule des Lebens

Um Kaninchen geht es auch noch einmal, als Ursula Lehrerin wird – damals wurde man es offenbar einfach so, nach der Schule, um dann nach zwei Jahren eine Prüfung abzulegen, aber vorher schon auf die Schüler losgelassen zu werden. Ursulas Vater, der nicht als vollständig böse gezeichnet wird, will Ursula das Arbeiten zunächst ganz verbieten, gestattet ihr dann aber, nicht in der entfernten Wunschschule anzufangen, sondern in einer Schule in der Nähe. Der Horror! Rotzfreche Bälger aus offenbar armen Schichten, chaotische Zustände, miese Ausstattung, militärischer Drill, und die Klassenräume sind so angeordnet, dass das Kollegium sich permanent auf die Finger schauen kann. Das ist natürlich besonders peinigend für „die Neue“: Ein energischer Lehrer will sie fertigmachen (gegen sexuelle Ergebenheit würde er sie allerdings protegieren – was Ursula entschieden zurückweist), und weder er noch die Schüler können etwas damit anfangen, dass Ursula Letztere mit dem scheinbar altbackenen Thema beglückt: „Schreibt einen Aufsatz über Kaninchen.“ Der Rest des Kollegiums gehört zum System oder hat längst resigniert, und so muss Ursula allein da durch – was nicht ganz ohne Blessuren geht. Immer wieder geht es um Gewalt in diesem Film: Die Winifred übt psychologische Gewalt aus, ein Maler, zu dem sie Ursula als Modell schickt, möchte mit Ursula S/M-Spiele machen, der neue Lehrerkollege möchte Ursula zum Geschlechtsakt nötigen, ziemlich rabiate Schüler schießen nicht nur Papierkügelchen, sondern auch Steine mit Zwillen, bis es blutet. Einer gar (wie reden, nur mal eben, von FÜNFTKLÄSSLERN) prügelt und tritt wie ein Erwachsener auf Ursula ein, bis sie ihn voller Wucht mit dem Stock vermöbelt. Das scheint zwar in dieser Schule nicht ganz ungewöhnlich zu sein, aber bei Ursula ist das nicht eine ritualisierte, nüchtern vorgenommene „Bestrafung“, sondern ein höchst fragwürdiger Akt des wütenden Aufbegehrens: Sie nimmt es persönlich, sie hat die Beherrschung verloren, sie prügelt auf den Jungen ein, bis der Stock zerbricht. Ihre Wut ist berechtigt und trifft letztlich den Falschen. Die Blessuren fallen auf sie zurück, wir sehen später ihre Wunden an den Beinen in Großaufnahme (für die es zwar durch die vorherigen Attacken des Jungen eine Erklärung gibt, aber die wohl symbolisch dafür gemeint sind, dass Ursula in ihrem Kampf sich als verwundbar erwiesen hat, aber dennoch nicht aufgeben wird). Ganz klar, diese kraftvolle und energisch gespielte Szene möchte ich nicht glorifizieren, aber sie ist im Rahmen des Dramas schon ein starkes Bild für eruptive Kräfte, aufgestaute Wut, berstenden und noch nicht kanalisierten Selbstbehauptungswillen. Wir sehen, Ursula ist keine Heilige. Wird sie ihre Kräfte in die richtige Richtung zu lenken wissen?

Ein Mann für Ursula?

Es ist klar, dass Ursula keine Überzeugungs-Lesbierin ist, zu sehr war sie damals von Winifred über den Tisch und ins Bett gezogen worden. Wird sie aber mit ihren eigenwilligen Vorstellungen jemals einen Mann finden? Interessieren tut sie diese seltsame Spezies Mensch durchaus, Ursula steckt voller Leben und voller erotischem Verlangen. Dies wird schon zu Beginn in einer Szene mit einem jungen, schmucken Soldaten namens Anton (Paul McGann) klar, den sie am liebsten gleich in der Kirche liebte oder zumindest leidenschaftlich küsste. Doch dieser Mann spielt erst nur mit ihr, küsst ihr den Unterarm und führt sie dann zu den Eltern zurück. Dass er sich nicht gern von Ursulas jüngerer Schwester in einer kleinen Neckerei an den Haaren zupfen und sich im Schaukelstuhl schaukeln lässt, lässt Anton sofort beunruhigend erscheinen. Auch er hat seine Vorstellungen davon, dass ein Mann noch ein Mann ist und sich gefälligst sebst aussuchen darf, was er tut und was eine Frau in seinem Beisein tut. Ursula ist zwar angezogen von Anton und lässt sich von ihm sogar in einer Ken-Russell-opulent-schwülstigen Szene in einer Vollmondnacht ziemlich aggressiv entjungfern (in der sie übrigens als Brautjungfer fungiert und weiß incl. des Kranzes gekleidet ist). Aber nach vollzogenem Akt legt sich der Schatten über den Mond, und es werden auch sonst viele Zeichen dafür gelegt, dass dies kein Mann fürs Leben ist, zumindest nicht für Ursulas. Er möchte, dass eine Frau sich nicht über sich selbst, sondern über ihn definiert. Er ist Soldat, möchte kämpfen und beschützen und nicht groß fragen, ob die Bekämpften das auch verdienen und die Beschützten das auch wollen. Hier gelingt Russell eine Verknüpfung des Psychologischen mit dem Politischen; er übt scharfe Kritik am britischen Kolonialismus und am Burenkrieg. Am gruseligsten und damit besten gelingt das, wenn Anton beschreibt, wie er und Ursula zusammen in Indien leben könnten: Sie müsse dort GAR NICHTS tun, das GESELLSCHAFTLICHE LEBEN in Indien sei fantastisch, man spiele dort POLO etc., sie könne VIELE KLEINE DIENSTBOTEN haben, die alles für Ursula erledigten. Anton betrachtet als „Gesellschaft“ nur die Britische, in der Inder höchstens als Sklaven vorkommen. Es ist klar, dass dies Ursula ebenfalls versklaven würde, sei der Käfig auch noch so golden. Hindus unterrichten?!? Das ist das Einzige, was sich Ursula in Indien vorstellen könnte zu tun. Aber Anton definitiv nicht! Eine wunderbare Szene, die in der Schilderung des kolonialen Dünkels und der damit einhergehenden auch seelischen überheblichen Abschottung an einen anderen Film erinnert: Wären Ursula und Anton wirklich nach Indien gegangen, hätte das ausgesehen wie in David Leans großartigen Film „Reise nach Indien“.

Am Ende ein Topf voller Gold?

Es kommt dramatisch, ich schildere es nicht mehr im Detail, aber am Schluss scheint Ursulas Leben in Trümmern zu liegen. Pferde, oft ein Symbol für Sexualität, werden in einer fast surrealen Szene als Bedrohung gezeigt, und auf einmal tauchen fremde Männer auf, vielleicht Räuber (natürlich im archaisch-mythischen Ort, dem Wald – hieß es nicht schon so im Volkslied? „Im Wald, da sind die Räuber.“). Ursula hatte einmal eine aufschlussreiche Diskussion mit ihrem Anton, in der sie seinen Beruf kritisierte. Anton sprach davon, dass es den Interessen der Nation diene, die Buren zu besiegen. Warum es gerade Anton tun müsse, fragt Ursula. Anton meint, wenn jeder so dächte… und Ursula vollendet: …dann gäbe es keine Nation (und auch keine Kriege, das fände sie nicht schlecht, also eine höchst originelle Weiterführung des kategorischen Imperativs von Kant, die neben vielem zeigt, dass Ursula intelligenter ist als Anton). Als Anton meint, mit dieser Einstellung sei Ursula der Willkür jedes halbnackten Räubers ausgesetzt, sagt sie ihren vielleicht schönsten Satz: „Ich würde mich lieber von einem halbnackten Räuber umwerfen lassen, als dass ein Soldat meine Ehre verteidigt“ (herrlicher Doppelsinn: „umwerfen“, „Ehre“, das kann man natürlich auch sexuell deuten). Nun sind diese bedrohlichen Gestalten und Pferde da, und Ursula ist ganz allein. Wird sie sich behaupten? Am Ende scheint sie alles verloren zu haben, doch ihr Vater sagt, dass das Familienheim immer auch ein Heim für Ursula wäre.

Wenn bloß nicht der Regenbogen wäre! Er ist natürlich außerhalb des Hauses, und am Schluss noch einmal zu sehen. Der Film endet mit einer wunderschönen, etwas rätselhaften Szene, die nicht verraten sei und auf die sich jeder selbst einen Reim machen darf. Ob gemäß der Legende am Ende des Regenbogens ein Topf voller Gold steht? Der Film plädiert jedenfalls dafür, die Suche nicht aufzugeben!

Fazit und Ergänzungen zum Stil: „Der Regenbogen“ ist ein komplexes Drama mit schwierigen Themen, einer großartigen persönlichen wie geschlechtlichen Emanzipationsgeschichte, die niemals platt wirkt, und sehr vielen ambivalenten Nebenfiguren. Es gibt keine Schwarzweißmalerei, durchweg gute Darsteller, opulente Kostüme und weitwinkelig aufgenommenen Räume (das macht sie, wenn es passt, opulenter, weil größer, aber schäbige Räume wie die Gänge der Schule, in der Ursula arbeitet, werden durch diese Distanzsteigerung kälter). Ken Russell geht es also durchaus im Sinne seiner sonstigen „exzentrischen“ Arbeiten wuchtig an und würzt das Ganze mit im Genre ungewöhnlich vielen Nacktszenen und sexuellen „Perversionen“. Aber wenn er Gewalt aller Art zeigt (sexuelle, psychische, physische), und missbräuchliche Machtausübung aller Art (wirtschaftliche, koloniale, militärische und eben auch sexuelle, psychische, männliche, väterliche etc.), so verliert er nie den Blick für die kleinen Gesten und die scheinbar unaufdringlichen, aber darum umso bedeutungsvolleren Zwischentöne. Und er vergisst nie Ursula, der dieser ganze Film gehört, von Sammi Davis wunderbar gespielt in ihrem ganzen komplizierten Reifungsprozess zwischen Begehren und Aufbegehren, zwischen Trotz, Wut, Suche, Anlehnung. Es loht sich, genau hinzusehen bei dieser messerscharfen Darstellung einer Gesellschaft, einer jungen Frau und allem, was auf sie einströmt. Und zu sehen, was Ursula aus allem macht. Meine Sympathie hatte sie jedenfalls. Meine Sympathie hat der Film ebenfalls. Weil mein Gefühl mir sagt, 100 Punkte spare ich mir für einen Film, der mich noch mehr umhaut (und der vielleicht erst in vielen Jahren oder niemals kommt), gebe ich „nur“ 95 Punkte. Aber eigentlich wüsste ich nicht, wie man’s besser macht!

Fazit

Entwicklungsroman bzw. -film um eine junge Frau im England des beginnenden 20. Jahrhunderts. Opulent, intensiv, dramatisch, komplex, emanzipatorisch, scharfsinnig, kritisch, und für ein englisches Drama des fast noch viktorianischen Zeitalters schonungsos offen, auch in sexueller Hinsicht. Dabei aber niemals voyeuristisch, vielmehr rundum ein Meisterwerk.

Gesamtwertung

95%

1 comments

  1. Eine tolle Wiedergabe und vor allem Interpretation des Filmes, der erst (genial!) am Schluss zeigt, dass Ursula sich nicht nur gegen Unterwerfung gewehrt hat, sondern erneut hofft, ihren Traum (Regenbogen) zu leben.

    Joachim Andreas Hallbauer said on 7. November 2016 at 0:56 Antworten

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