Filmkritik: Antonius und Cleopatra (DVD)

2257 0 0 14. Januar 2010
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Titel:Antonius & Cleopatra - Charleton Heston *Cinema Classic Edition*
EAN:9120027343773
USK:Freigegeben ab 16 Jahren
Label:SchröderMedia HandelsgmbH & Co KG
Release:2009-10-29

Oh Welt – Du bist wie ein paar Wölfe, nicht mehr. Und wirfst Du alles Futter auch dazwischen, so frisst der eine doch den anderen.

Nach der Ermordung Caesars wird Rom durch ein Triumvirat regiert, bestehend unter anderem aus Marcus Antonius (Charlton Heston, auch Regie) und Octavian, der sich nun Caesar nennen lässt (John Castle). Während Octavian die Probleme einer solchen horizontalen Gewaltenteilung ernst nimmt, geht Antonius ganz anderen Aktivitäten in der Horizontalen nach und vergnügt sich in jeglicher Hinsicht mit Cleopatra (Hildegard Neil). Um die Einheit des Reiches gegen Feinde zu festigen, geht Antonius eine Zweckheirat mit Octavians Schwester Octavia ein (Carmen Sevilla). Ein Drama nimmt seinen Lauf…

Der vorliegende Film basiert auf einem gleichnamigen Theaterstück von William Shakespeare; die Eckpunkte sind historisch verbürgt und waren schon Gegenstand der zweiten Hälfte von „Cleopatra“ (1961-63, Regie: Joseph L. Mankiewicz – der Film, der Liz Taylor und Richard Burton vor und hinter der Kamera zusammenbrachte). Die DVD-Aufmachung ist Etikettenschwindel: Eine Zeichnung von Charlton Heston mit muskelgestähltem und enthaartem Oberkörper und ein sorgsames Verschweigen des Namens Shakespeare (auch bei der Inhaltsangabe auf der Rückseite) lenken den interessierten Käufer in eine völlig falsche Richtung. Hier gibt es kein billiges Actionspektakel, sondern der Film ist in erster Linie eine Theaterverfilmung. Darin ist er nicht mal schlecht und ist auch mehr als bloßes abgefilmtes Deklamieren. Es gibt die üblichen reizvollen Außenaufnahmen, Landschaften, Seehäfen und antiken (Nach-)Bauten. Und es gibt ein paar saftige Massen- und Schlachtszenen. Zwar kann die vorliegende Euro-Produktion (England/Spanien/Schweiz 1972) nicht mit der Pracht und architektonischen Kühnheit des oben erwähnten „Cleopatra“-Filmes mithalten, aber schlägt sich buchstäblich recht wacker. Und der Schwerpunkt liegt eben doch auf den Shakespeare’schen Worten. Hier kann der Film am meisten punkten, denn diese wundervolle, kraftvolle, anspielungs- und metaphernreiche Sprache, gleichzeitig voll expressiver Poesie, sucht ihresgleichen.

April ist Dir im Auge der Liebe Frühling – Tränen sind der Regen, die ihn verkünden.

Mit diesen Worten beispielsweise (Antonius spricht sie anlässlich des Trennungsschmerzes Octavias, die ihren Bruder verlassen muss und Antonius zur Frau gegeben wird) deutet sich schon an, dass in diesem Drama ein unverfälschtes Glück nicht zu haben ist und ein morbides Schicksal Gegensätze miteinander verknüpft: Liebe und Lust mit Schmerz und Tod, den wonnigen Frühling mit dem alles brutal wegspülenden Aprilregen (der noch so manch anderes ins Strudeln bringen wird, und eine der größten Niederlagen wird Antonius bei einer Schlacht auf See erfahren, von Cleopatra noch zudem im Stich gelassen). Selbstverständlich hängt auch das Private mit dem Politischen zusammen; dies ist nicht nur durch den Plot offenbar, sondern auch durch die Regie: Die Zweckheirat handelt Antonius mit Octavian aus, während letzterer einen Gladiatorenkampf durchführen lässt. Am Ende immer schneller schneidet Regisseur Heston zwischen den Verhandelnden und den Kämpfenden hin und her, bis ein Gladiator dem anderen eine Spitze seines Dreizacks in den Arm gebohrt hat. Octavian zeigt mit dem Daumen in die Höhe. So will er es auch mit Antonius haben: Er lässt ihn nicht gleich sterben, sondern zappeln und hat ihn in seiner Gewalt, von nun an soll Antonius von den Gnade des mächtigen Octavian abhängen. Ein bißchen zu offensichtlich ist diese Parallele vielleicht inszeniert mit diesem ganzen forcierten Hin- und Herschneiden, eine starke Metapher ist es dennoch.

Was müssen wir wissen, was können wir fühlen?

Leider ist die Inszenierung vom Obigen abgesehen eher im besten Sinne konventionell, und auch die Darsteller sind nicht vollständig überzeugend. Dies ist ein bißchen schade, denn so schön die Sprache Shakespeares ist, die Erzählweise ist extrem voraussetzungsvoll. Wer die Eckdaten der Historie nicht kennt, muss sich das eine oder andere zusammenreimen. Der Film beginnt sozusagen mittendrin, es wird nicht etwa vom Tode Caesars und von der Begründung des Triumvirats berichtet, sondern wir müssen es wissen. Es wird nicht berichtet, wie Cleopatra und Antonius sich ineinander verliebt haben, wie das vorherige Verhältnis Cleopatras zu Caesar war, wir müssen es wissen. Die äußerst ökonomische Erzählweise Shakespeares erfordert also, dass wir uns gewisse Lücken selbst schließen und gewisse Voraussetzungen selbst schaffen. Dies gelingt auf emotionaler Ebene nicht immer, denn machen wir uns nichts vor: Die Hauptdarsteller können uns nicht durchgängig fühlen lassen, was sie antreibt und warum. Charlton Heston geht es kraftvoll, aber darin ein wenig verkniffen an – man sah selten einen Charakter, der dermaßen oft die Zähle bleckt und zusammenbeißt und die Miene zu einer verkniffenen Erregung verzieht. Er hat es sich aber auch schwer gemacht – immer wieder muss man auf den früheren „Cleopatra“-Film zu sprechen kommen, in dem Richard Burton als Antonius Maßstäbe gesetzt hat. Burton war unter anderem ein Shakespeare-Theaterdarsteller, ein großer Meister des expressiven Deklamierens mit sonorer, ausdrucksstarker Stimme, dem die Darstellung einer brodelnden Unrast sehr viel facettenreicher gelang als Heston. Und Hildegard Neil als Cleopatra – sie sieht gut aus und stört nicht, in der Schlussszene gelingt auch ihr ein emotionales Spiel, aber über weite Strecken weiß man nicht so recht, was man mit ihr anfangen soll. Zwar mit den üblichen Antik-Kostümen ausgestattet, wirkt sie dennoch in Frisur, Schminke und Ausdruck nicht anders als eine elegante Frau im Film-Entstehungsjahr 1972. Das macht sie austauschbar statt einzigartig, und gerade zu Beginn ist dies fatal: Es wird vorausgesetzt statt fühlbar gemacht, dass die beiden einander in Liebe, beinahe Hörigkeit zugetan sind. Wir müssen es schlucken, und es schmeckt nicht ganz so gut. Gerade in dieser Zweierbeziehung ächzt der Film besonders unter dem Vergleich zu dem älteren „Cleopatra“ – auch Liz Taylor ist eine Ausnahmeschauspielerin in der Verkleidung des Glamours, bei der wir jede Sekunde geglaubt und gespürt haben, wie es zwischen Antonius und Cleopatra (und zwischen Liz Taylor und Richard Burton) gefunkt, geknistert und gebrodelt hat.

Herauszuheben ist bei den Nebendarstellern jedoch John Castle als Octavian. In dem anscheinenden Bemühen, sich bis hin zur äußeren Erscheinung der Nebenfiguren an dem älteren „Cleopatra“-Film zu orientieren, gelingt John Castle ein Wiederaufleben von Roddy McDowall. Sein Blick in Mischung aus strenger Askese und Nachdenklichkeit lässt uns immer angenehm im Unklaren, ob dieser Mann einfach nur ein aus Pflichtgefühl und Vaterlandsliebe machtbewusster Politiker ist, oder ob er nicht auch Abgründe unter der kühlen Oberfläche verbirgt. Am Ende scheint sich sein Wunsch nach Macht zu verselbständigen und Octavian die schiere Dominanz über andere um ihrer selbst willen zu wollen, ohne sie wirklich genießen zu können – auch er ein Getriebener vom eigenen Ehrgeiz, vom Missen aller lustvollen Freuden, wie Antonius sie mit Cleopatra kennt. Dies alles deutet Castle immer nur an, anstatt es mimisch oder auch wörtlich herauszuschreien, und er ist in seiner Nebenrolle der Beste aus dem ganzen Ensemble.

Ein Historienfilm bedarf einiger Zahlen – keine Würze in der Kürze!

Nicht um Jahres-, sondern um Minutenzahlen soll es hier gehen, denn vielleicht liegen die oben genannten Schwächen zum Teil daran, dass der Film zu kurz ist. Zu viele Lücken, zu uninteressante und zu wenige Cleopatra-Szenen zu Beginn führen dazu, dass die schicksalhafte Liebesbeziehung eher mitgeteilt statt erzählt wird – aber es gibt sehr viel längere Versionen des Filmes. Diese könnten eine Steigerung bedeuten; es lässt sich nur vermuten, denn die vorliegende Edition ist verstümmelt. 103 Minuten dauert der Film (die alternative Schnittfassung von 108 Minuten mag man sich wegen der schlechten Bildqualität und des falschen Bildformats kaum ansehen). In der Filmdatenbank imdb.de sind 138 Minuten für die deutsche Fassung und 160 Minuten für die britische und amerikanische Fassung angegeben. Nun läuft eine DVD mit 25 Bildern pro Sekunde, im Kino sind’s nur 24. Das wären aber immer noch 132 bzw. 154 Minuten, und die hätte ich schon gern gesehen! Die Gründe für die doch erheblichen Kürzungen sind mir unbekannt, meiner Vermutung nach haben sie wie gesagt eher geschadet.

Aber immerhin, es gibt ja die Sprache Shakespeares, die hier wirklich vieles rettet.

Schon die Überschrift dieser Rezension erzählt sprachgewaltig von einer Welt, die aus den Fugen zu geraten droht, nicht nur wegen politischer Konflikte in einem Weltreich, sondern auch auf der psychologischen Ebene wegen triebhafter Gefühle, die dazu führen, dass Menschen einander hassen, bekämpfen und animalisch den Instinkt über den Verstand triumphieren lassen (auch Thomas Hobbes sagte in misanthropischem Pessimismus, der Mensch sei des Menschen Wolf). Eine weitere Sprachmetapher wurde bereits erwähnt, und hinzuzufügen ist, dass es selbst bei dem ernsten, dramatischen Stoff ein paar der berühmten offenherzigen Shakespeare’schen Wortspiele gibt. Dass die Gelüste Antonius’ purer Libido geschuldet sind, spricht der Dichter in einer herrlichen Mischung aus Umschreibung und deftiger Deutlichkeit an, und eines der besten Wortspiele konnte sogar (das ist bei Shakespeare nie ganz einfach) ansatzweise ins Deutsche gerettet werden. So unterhalten sich Cleopatra und ihr Eunuch: „Hast Du Empfindungen?“ „Ja, königliche Herrscherin.“ „In der Tat?“ „Nicht in der Tat. Etwas zu tun ist mir versagt. Doch hab ich heftige Empfindungen und weiß, was Venus tat mit Mars.“ Wunderbar, wie aus dem eigentlich nur „tatsächlich?“ meinenden „in der Tat“ ein wörtliches Abstellen auf die „Tat“ wird, die dem Eunuchen nicht nur versagt, sondern gänzlich unmöglich ist: Im Englischen heißt das: „Indeed?“ „No, not in deed.“ „The deed“ meint aber auch den sexuellen Akt bzw. den Höhepunkt dabei. Wovon der Eunuch nur träumen kann, das setzt Antonius in die, nun ja, Tat um, und dies ist eines der vielen Verhängnisse in diesem Drama – sprachlich meisterhaft ausgedrückt. Die filmische Umsetzung ist nicht immer gleichauf, aber zumindest ordentlich. Die Bildqualität ist (außer bei der alternativen Schnittfassung) gut, der Ton mit Ausnahme eines gewissen Rauschens ebenfalls. Es gibt – bei Shakespeare eine sinnvolle Ergänzung – den englischen Ton, aber keine Untertitel und mit Ausnahme der alternativen Schnittfassung keine Extras. Insgesamt ist der Film lobenswert, auch wenn er nicht ganz aus einem Guss ist und die größten Stärken in der literarischen Vorlage liegen.

Fazit

Opulente Shakespeare-Verfilmung, bei der die starke Vorlage die in Teilen konventionelle Inszenierung und einige schwächere Darsteller ausgleichen kann. Leider gekürzt.

Gesamtwertung

60%

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