Verdammt zum Schweigen (DVD)

4644 0 0 5. Dezember 2010
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Titel:Verdammt Zum Schweigen - Vergessene Kriegsfilme Vol. 7
EAN:0807297050097
USK:Freigegeben ab 12 Jahren
Label:Voulez Vous Film (Intergroove)
Release:2010-10-08

Rezension zu „Verdammt zum Schweigen“ („The Court Martial of Billy Mitchell“), USA 1955, mit Gary Cooper, Regie: Otto Preminger, 96 Min., Farbe, CinemaScope

Mitte der 1950er Jahre drehte Otto Preminger einen Film über den Armeeflieger Billy Mitchell, der in den 1920er Jahren spielt. Als Kriegsheld musste Mitchell mit ansehen, wie die Armeefliegerei nach 1918 zum alten Eisen gelegt wurde und die technische Entwicklung vernachlässigt wurde. Nicht einmal eine eigene Luftwaffe gab es seinerzeit. Mitchell und seine Truppe muss in Friedenszeiten bei Manövern mit marodem Gerät ihr Leben riskieren, einige werden es verlieren. Aufgrund eines befehlswidrig ausgeführten, aber effektiven Manöverangriffs, bei dem Mitchells Flieger ein respektables Schlachtschiff versenken, wird Mitchell vom General zum Oberst (Colonel) degradiert und in ein Fort in Texas versetzt, wo ein Pionier wie er kaum eine adäquate Aufgabe hat. Jahrelange Eingaben mit strategischen und technischen Vorschlägen bringen nichts, bis Mitchell nach dem Tod eines guten Freundes an die Öffentlichkeit geht: In einer Presseerklärung wirft er hohen Militärs Versagen vor und kommt deswegen vor das Kriegsgericht…

Es scheint, als machte Otto Preminger es sich in diesem Film ein wenig zu einfach. Natürlich kann man in der Rückschau sagen, dass Flieger einst wahnsinnig schnell sein werden, dass Kriege aus der Luft geführt werden, dass Pearl Harbor unzureichend verteidigt ist und von den Japanern angegriffen werden könnte. Wenn also das Drehbuch genau diese Dinge Billy Mitchell in den Mund legt, die in den 1920er Jahren reichlich unglaubwürdig klingen, denkt man ironisch: Kunststück… Doch der Rezensent musste zugegebenermaßen erst bei Wikipedia nachschlagen, was in den USA der 1950er vermutlich allgemeines Bildungsgut war: Diesen Billy Mitchell hat es nicht nur wirklich gegeben, sondern auch die auf den ersten Blick etwas billig aus der bequemen Rückschau ins Drehbuch geschriebenen Prophezeiungen sind wahr – einschließlich der schon 1924 getroffenen Voraussage, dass die Japaner Pearl Harbor angreifen könnten und würden. Also sehen wir in „The Court Martial of Billy Mitchell“ die Verfilmung realer Ereignisse, einschließlich des Militärgerichtsprozesses. Erstaunlicherweise macht das den Film in dramatischer Hinsicht aber nicht besser – es wirkt immer noch ein bißchen zu einfach, dass Preminger sich der Geschichte eines Mannes annimmt, den die Geschichte später auf dramatische Weise bestätigt hat. Vielleicht wäre ein Dokumentarfilm die bessere Lösung gewesen, aber Preminger erzählt wie im klassischen fiktionalen Drama. Sein Film, der keinesfalls völlig misslungen ist, leidet unter denselben Krankheiten wie der zu etwa derselben Zeit entstandene „The wrong man“ von Alfred Hitchcock, der ebenfalls die dramatische Form für eine wahre Geschichte wählt, aber gleichzeitig Faktentreue wahren will. Das dramatische Erzählen folgt jedoch eigenen Gesetzen. Bei Hitch hat das dazu geführt, dass sein Plot fast noch mehr geballte Unglaubwürdigkeit als seine anderen fiktionalen Stoffe aufweist. Bei Preminger hat es dazu geführt, dass er sich mit der Rückendeckung der geschichtlichen Bestätigung allzu sehr auf der Gewissheit ausruhen kann, dass Mitchell der unverstandene Visionär ist, was in einem simplen Gut-gegen-borniert-Kampf ausgespielt wird. Zwar haben beide, das muss klar gesagt werden, die Fakten auf ihrer Seite, doch für ein dramatisches Erzählen waren diese denkbar ungeeignet.

Doch wie gesagt, „The Court Martial of Billy Mitchell“ ist nicht völlig misslungen, also gehen wir einmal ins Detail und wollen dem Film dieselbe Gerechtigkeit widerfahren lassen, wie wir sie für dessen Protagonisten erwarten. Das erste Bild ist purer Preminger: zwei endlos lange Aktenschrankwände, und ein Regal wird geöffnet, in dem sich die Akte Mitchell befinden wird. Menschen als Teile eines juristischen Systems, die dennoch aus der Anonymität zu holen sind, das fasziniert Preminger, den Beinahejuristen und an Institutionen Interessierten, der gleichwohl niemals Einzelschicksale in diesen Institutionen aufgehen ließ bzw. sie an die Oberfläche oder eben aus den Aktenschränken holte. Anschließend eröffnet der Film mit den Geschehnissen vor dem Prozess, was etwa eine Hälfte der 96 Minuten einnimmt – und viel zu lang ist. Weil sehr früh klar ist, dass sich Mitchell nicht Befehlen beugen wird, die seiner Ansicht nach unsinnig oder sogar gefährlich sind, ist die Phase, bis es zum Prozess kommt, ein zähes Erzählen dessen, was man allzu leicht voraussehen kann. Insgesamt wirkt der Film etwas unentschlossen, als hätte sich Preminger zwischen Kammerspiel und Militäraction nicht so recht entscheiden können. Zunächst möchte er offenbar Ersteres, kann sich aber nicht zu dem geballten Feuerzauber seines späteren „In Harms Way“ durchringen. Wie das Schiff durch einen ungenehmigten Tiefflugangriff versenkt wird, zeigt Preminger mittels ein paar Bomben, von denen wir nicht erkennen können, ob sie das Ziel treffen (es spritzt lediglich gewaltig rund um das Schiff und ein Mal kommentiert ein Beobachter: „Volltreffer.“). Und dann ist der Kahn ruckzuck ohne Detailaufnahmen versunken, sodass man eine Miniatur vermuten kann. Wie viel mehr Dynamik und Thrill hatte da doch „In Harms Way“ (der übrigens kein reiner Actionfilm ist, aber wenn es dort kracht, dann richtig, und gleichzeitig in Beziehung zu den persönlichen Dramen, die sich abspielen). Vielleicht wäre Preminger bei „The Court Martial of Billy Mitchell“ besser beraten gewesen, die Actionszenen nur indirekt zu erzählen, so wie er später die Umstände des Absturzes eines Freundes ausschließlich mittels einer Erzählung der Witwe mitteilt. Was ihm durch deren starken Auftritt vor Gericht, das Gesicht durch die Kleidung schwarz eingerahmt, in einem dramatisch zugespitzten Moment meisterhaft gelingt. Die Intensität aus dem Blickwinkel der Trauernden bedarf gar keiner illustrativen Bilder mehr. Als Kammerspiel ist „The Court Martial of Billy Mitchell“ entschieden besser, d.h. in der zweiten Hälfte, die den Prozess zeigt. Zwar gibt es auch hier den Mangel, dass die Bestätigung Mitchells durch die Geschichte seine Rehabilitierung beim Zuschauer zu einfach macht. Aber man guckt dem Einspuch-stattgegeben-abgelehnt-Spielchen immer wieder ganz gern zu, bei dem Preminger sich als geschickter Handwerker der üblichen Szenarien erweist. Die Meisterschaft seines (Anti-)Gerichtsfilms „Anatomy of a Murder“, in dem er das System lustvoll dekonstruiert, erreicht er dabei jedoch nie. Hier muss man sich mit Boshaftigkeiten wie derjenigen zufriedengeben, dass als Gerichtsgebäude ein äußerst notdürftig umgebautes Magazin dient. Der keller-/lagerraumartige “Saal” mit hässlichen omnipräsenten Wänden, Säulen und Lampen nimmt dem Gericht allen Old-Bailey-Glanz und nimmt die Voreingenommenheit des Tribunals bereits vorweg: Mitchell soll hier möglichst geräuschlos entsorgt und sein Fall zu den Akten gelegt werden, wie man einen Gegenstand in einem Magazin einlagert.

Das Interessanteste, was den Gut-gegen-borniert-Kampf ein wenig aufbricht, ist, dass Mitchell beileibe nicht alles Menschenmögliche tut, um für einen guten Ausgang zu sorgen. Mitchell ist zwar beseelt von etwas, das er als Mission empfinden muss, aber er wird gleichzeitig als Gefangener seiner selbst, sogar bisweilen als Verblendeter gezeigt. Mitchell nämlich ist bis zum Gehtnichtmehr ein tragischer Idealist und ein hundertzehnprozentiger Soldat, der außerhalb des Militärs völlig lebensunfähig ist. Dies den großen Stoiker Gary Cooper spielen zu lassen, war ein guter Einfall, denn sein Stoizismus gibt uns bis zum Ende gewisse Rätsel auf: Ist Mitchells äußere Ruhe diejenige eines überlegenen, weitblickenden Visionärs oder geht diese auch auf eine gewisse Schlichtheit und ein eingeengtes Weltbild zurück? Mitchell „verdankt der Uniform alles“, und er glaubt noch dann an die Gerechtigkeit der Army und seines Gerichts, als dies im wahrsten Sinne des Wortes hochgradig beschränkt wirkt. Mitchell kann allen Soldaten misstrauen, der Armee als Institution aber kann er nicht misstrauen, denn sie ist sein Leben und er hat kein anderes. Das ist – bei aller Verschiedenheit zum Preminger-Film – bei Rambo ähnlich, und auch dort kann man Sylvester Stallones sparsame Mimik als Illustration seines sparsamen Weltbildes sehen, das ihm zum Gefängnis zu werden droht.  

Erfreulicherweise löst Preminger diese beunruhigende Ambivalenz aus Weitsicht und Engstirnigkeit beim Verhältnis von Individuum und Institution nie auf. Das hebt den Film über die etwas unausgegorene Konfektionsware, die er ansonsten ist. Dafür und wegen guter Darstellerleistungen gibt es über die Hälfte der Punkte. Weniger gelungen ist die DVD, die ein etwas verwaschenes Farbbild mit knarzendem Ton präsentiert. Leider fehlen Untertitel, aber immerhin ist neben der deutschen Fassung der Originalton vorhanden. Entgegen der Amazon-Angabe ist der Film nicht 77, sondern 96 Minuten lang, d.h. er entspricht der Kinolänge (von 100 Min, die im Kino mit 24 statt wie auf DVD mit 25 Bildern pro Sekunde laufen).

Fazit

Ein in seiner Zeit unverstandener Mann – leider in einem unverständlich unausgegorenen Film, der dennoch passabel unterhält.

Gesamtwertung

59%

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