Mond über Parador (DVD)

3762 0 5 24. November 2010
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Titel:Mond über Parador
EAN:4009750207444
USK:Freigegeben ab 12 Jahren
Label:Euro Video
Release:2010-09-30

Die Präsidenten-Show

Rezension von: Mond über Parador, USA 1988, Regie: Paul Mazursky, mit: Richard Dreyfuss, Raul Julia, Sonia Braga, 99 Min., deutsch und englisch, ohne Untertitel und nennenswerte Extras

Ein eigentlich traumhaft schönes Land – wäre da nur nicht der Regierungschef, der geltungssüchtig, notgeil… nein, nein, wir sind nicht in Italien, sondern im südamerikanischen Phantasiestaat Parador, und El Presidente Simms ist im Gegensatz zu dem gerissenen Berlusconi eine eher grenzdämliche Marionette. Die Puppenspieler, versteht sich, sind Alt- und Neonazis, wie der schleimige, weltgewandte, aber gefährliche Roberto Strausmann, der schon in seinem Namen verschiedene (Un-)Kulturen in sich vereint. Raul Julia spielt ihn, also ein echter Latino, der sich scheinbar paradoxerweise blondiert hat und den (Nord-)Westler von Welt gibt. Herrlich schräg – und doch hintersinnig für einen Wolf im Schafspelz. Worum aber geht es eigentlich? Simms’ Herz (oder Leber?) hatte sein ausschweifendes Leben nicht mehr mitgemacht, aber die „14 Familien“, eine ominöse Naziclique als Marionettenstrippenzieher, wollen sein Weiterleben – und so muss ein Double ran. Da trifft es sich gut, dass der Schauspieler Jack Noah (Richard Dreyfuss, zu Beginn auch der echte Presidente) gerade in Parador weilt, der doch Simms so gut imitieren konnte. Flugs wird er mehr oder minder (eher minder) sanft überredet, „die Rolle seines Lebens“ zu spielen…

Mehr soll nicht verraten werden, nur: Dies ist ein ziemlich guter Film. Eigentlich schade, dass es um den Regisseur Paul Mazursky in letzter Zeit recht still geworden ist, konnte er doch vor rund 20 Jahren gut unterhalten und immer auch ein bißchen zum Nachdenken anregen. Das ist gar nicht mal so einfach, gerade bei „Mond über Parador“: Der Film ist oft eine ziemlich lustige Komödie, doch man merkt, dass es Mazursky mit der Satire eigentlich ernst ist. Und eine Komödie mit Botschaft zu drehen, das ist schwer in der Balance zu halten und kann ganz leicht umkippen und schal werden. Mazursky ist aber der Gutmenschenfalle weitgehend entkommen. Vielleicht liegt das daran, dass er seinen Film geradezu übervoll mit kritischen Anmerkungen zu dem politischen Chaos in „Bananenrepubliken“ und vor allem dem US-Engagement in selbigen gepackt hat – aber diese kommen selten belehrend daher. Stattdessen setzt Mazursky Zeichen am Rande – so viele und manchmal so schamlos übertrieben, dass man lieber über die Chuzpe lacht als sich über den Zeigefinger ärgert. Nach dem Abspann möchte man den Film am liebsten gleich noch einmal sehen, weil man sich fassungslos staunend fragt, ob man wirklich alle Anspielungen mitbekommen hat. In diesem vorgeblich „leichten“ Film ist kaum einmal etwas unwichtig. So stammt Simms von Seeräubern (!) ab, die einst die Fehden auf Parador „befriedeten“, indem sie von jedem der drei rivalisierenden Volksgruppen eine Frau beschliefen. Wenn dreie sich streiten, kann ein Conquistador darauf aufbauen und sich von jedem etwas nehmen. Sein Vorname „Alphonse“ erinnerte schon vor den „Wixxer“-Filmen an den Gröfaz. Jack Noah hingegen ist ein Künstlername, sein richtiger Name lässt kaum zufällig eine jüdische Identität erkennen, und er ist eigentlich ein Nebbich: Als Schauspieler nicht so bekannt, wie er gerne wäre; muss er mit einer älteren Schnapsdrossel als Fan vorlieb nehmen. Als es heißt, ein Starlet habe mit dem ganzen Filmteam geschlafen, vermuten wir irgendwie, dass Noah davon ausgenommen war. Wenig später wird er sich mit dem ältesten Trick der Welt von einer Karnevalsschönheit verführen und ausrauben lassen. In der Figur Noahs ahnen wir wegen alldem immer auch ein bißchen Tragik hinter der Komik, ohne dass dies je Überhand nimmt. Dafür ist Parador einfach zu schräg, übrigens auch musikalisch. Filmkomponist Maurice Jarre lief – und das ist hier einmal nicht kritisch gemeint – als El Plagiador zu Hochform auf und bietet weit mehr als nur den erwartbaren Wagner: Paradors Nationalhymne besteht im Wesentlichen aus der Introduktion von Händels Hochzeitsmarsch und „O Tannenbaum“, auch Franz von Suppés „Leichte Kavallerie“ klingt einmal an – der Soundtrack ist eine der durchgeknalltesten Musikkolportagen, die ich kenne (wobei immer nur ein paar Takte anklingen – ein bißchen Mitdenken ist schon gefragt!). Neben Alphonse Simms und Jack Noah hat auch die unvermeidliche feurige Latina einen sprechenden Namen: Als „Madonna“ lässt die mitunter hemmungslos chargierende Sonia Braga immer erkennen, dass sie in lustvoller Übertreibung eines Klischees und Männertraumes Heilige und Hure zugleich ist, so wie wir den Namen mit einem freizügigen Popstar und mit Jesu Mutter assoziieren.

„Mond über Parador“ lebt desweiteren von aufmerksam geschriebenen, herrlich skurrilen und (teils mit Stars) besetzten Nebenrollen. Unter der Nazi-Entourage Simms’ findet sich auch die Deutsche Marianne Sägebrecht, und wenn diese etwas rundliche und sehr ruhige, sanftmütige Frau in leichtem Bayerisch in einem fast unschuldigen Ernst sagt, sie möchte nicht, dass „Papi“ vor ein Israelisches Gericht kommt – dann ist die Diskrepanz zwischen Inhalt und Diktion so groß, dass jedenfalls ich das zum Prusten komisch und gleichfalls bissig fand. Sammy Davis, Jr. als schmalziger Sänger mit Feuchtbiotop auf’m Kopp spielt sich selbst und darf den schleimigen Glamour-Schein repräsentieren, mit dem Parador sich gern umgibt. Scheinbar zweckfrei steht einmal ein fetter Bayer in einer Hotel-Lobby und fragt, wo man diese und jene Höhlen besichtigen könne, und wir fragen uns, wie er in selbige wohl hineinpasst. Tourismus, bei dem man unmöglich in die inneren Geheimnisse des Landes eindringen kann und schon demonstrativ die einheimische Kleidung zur Schau stellt! Schließlich bekommen die USA ihr Fett weg, und das kann man wörtlich nehmen: Ein US-Amerikaner namens Ralph (Jonathan Winters) ist tatsächlich sagenhaft fett, behandelt die „Eingeborenen“ und seine versoffene Gattin von oben herab und spielt ein doppeltes Spiel. Gerade diese Figur hätte leicht ins Klischee umschlagen können. Nein, eigentlich IST sie Klischee, aber das mit unglaublicher Verve. Mazursky lässt das Klischee auch noch im kleinsten scheinbar nebensächlichen Detail durchblicken, und das gibt ihm einen Mehrwert gegenüber den handelsüblichen Klischees. Ralph importiert Hängematten (die „Eingeborenen“ können schuften, damit er sich auf die faule Haut legen kann). Ralph verkehrt in einem edlen Club, der sich völlig unerwartet hinter einem durchschnittlich wirkenden Eingang in einer durchschnittlich wirkenden Straße auftut und in der es offenbar völlig normal ist, zu fragen, ob man den servierten Speisen auch trauen könne. Hätte Ralph gefragt: „Kann man den Salat hier auch essen?“, so wäre es platt gewesen, aber diese Frage stellt irgendjemand, der nie wieder im Film auftaucht, ganz beiläufig – so selbstverständlich ist das in diesen Kreisen (obwohl das Buffet schon vom protzigen Aussehen her diese Frage ganz und gar unberechtigt erscheinen lässt). Zurück zu Ralph: Er nimmt sich aus dem Land, was er kriegen kann, und was gibt er ihm zurück? Scheiße! Er hat nämlich Durchfall, d.h. seinen Abfall lässt er in Parador und die Ressourcen nimmt er mit. Es kann mir keiner erzählen, dass man einen Durchfall einfach mal eben so ins Drehbuch hineinschreibt! Ralphs Frau (Noahs einziger Fan, s.o.) ist wie gesagt längst dem Suff verfallen, und auch wenn es für die Haupthandlung unwichtig ist, lässt Mazursky erahnen, dass diese Ehe die Hölle sein muss. Mit solchen Seitenblicken verhält es sich wie mit des Filmes markigen Sprüchen, seinen vielen losen Enden (ein erahnbares Komplott und der tiefere Sinn der „14 Familien“ werden nie aufgeklärt), seinen musikalischen Zitaten, seinen sprechenden Namen, seinen Seitenhieben am Rande: Es gibt von allem mehr als in anderen Filmen, wobei „Mond über Parador“ bewusst mal nach links und nach rechts schaut, ein bißchen abschweift, um die am Rande liegenden Missstände aber nur anzudeuten, statt darüber zu dozieren. Daher ist er so sehenswert – und daher wird der Humor niemals zu sehr gebremst. „Mond über Parador“ ist vielleicht nicht das ganz große Kino. Aber eine herrliche Satire, in der es einer versteht, einerseits bewusst auf die Sahne zu hauen, aber andererseits dermaßen viele Kuchenstücke zu verteilen, dass diese ganze Sahne ihre Substanz findet, an der sie haften bleibt. Eine kleine, feine, vergessene Perle der satirischen Komödie.

Neben alldem ist „Mond über Parador“ eine interessante Reflexion über Schein und Sein, über Wahrheit und Fake, über Spiel und Wirklichkeit – wobei die Grenzen verschwimmen, bis es eigentlich nicht mehr so genau darauf ankommt. Der Fake wird zur Wahrheit, das Schein wird zum Sein, und die vorgebliche „Wirklichkeit“ war eigentlich immer schon ein Spiel: Der echte Simms war eine ferngelenkte Spiel-Zeug-Figur, die den großen Maxe gegeben hatte, und der falsche Simms entdeckt bald, dass er aus dem Spiel Ernst machen kann. Er möchte, wie ein Method Actor (nicht umsonst ist Noah Berufsschauspieler), nicht nur jemanden spielen. Er möchte „jemand sein“. Zu lange wurde er herumgeschubst und musste sich von Agentur zu Agentur (und von Starlet zu Starlet?) die Hacken ablaufen. Ausgerechnet als Simms erkennt er, dass so ein Diktator beträchtliche Macht haben kann, wenn er die ihm eigentlich nur des Scheins Willen gegebenen Befugnisse richtig nutzt. Dadurch kommt Noah zu einem selbstbestimmten Leben. Er IST – nicht nur der Diktator, sondern erstmals auch er selbst, paradoxerweise gerade, wenn er in einer Rolle aufgeht. Damit ist „Mond über Parador“ die kleine komische Schwester des großen dramatischen (und weit unterschätzten) Films „Anastasia“ (in der Version mit Ingrid Bergman). Die Paradoxie kommt übrigens auch dadurch zum Ausdruck, dass Noah immer dann, wenn er etwas Eigenständiges tut, in Zitate verfällt – nur eben in solche, die ihm seine Nazi-Strippenzieher nicht eingetrichtert haben. Hierbei, diese ganz leise Kritik muss sein, unterschätzt Mazursky gelegentlich sein Publikum, das er ansonsten bei seinen überreichen Anspielungen eher angenehm fordert. So muss das Drehbuch durch extra Dialogsätze erläutern, dass Noah in einer Präsidentenansprache sein „Träume den unmöglichen Traum“ aus „Der Mann von La Mancha“ geklaut hat und dass sein Abschied von Madonna „wie in Casablanca“ ist. Ob das wohl aufgrund von Previews mit achselzuckenden Testguckern hineingeschrieben wurde? Ich hätte es auch so gemerkt! Was keine Arroganz sein soll, denn sicherlich habe ich von den übrigen Anspielungen viele nicht bemerkt. Aber dafür entschädigt eben die vertrackte Weise der Insidergags, die man mitbekommt und in denen der Eindruck eines cleveren, doppelbödigen Stücks entsteht. Den doppelten Boden verlässt Mazursky zugunsten der Überdeutlichkeit glücklicherweise nur sehr selten.

Fazit

Ein Volk, ein Reich, ein falscher Führer – der aber echt lustig ist! Und immer auch ein bißchen mehr… Grelle, clevere Polit-Farce, bei der eine Botschaft deutlich vorhanden ist, aber nie zu Lasten des Spaßes geht.

Gesamtwertung

90%

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