Mädchen ohne Mitgift (The Catered Affair) (DVD)

3817 0 1 24. November 2010
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Vater der Braut 3?

Rezension von „Mädchen ohne Mitgift“ (The Catered Affair), USA 1956, schwarzweiß, ca. 90 Min., Regie: Richard Brooks, mit Bette Davis, Ernest Borgnine u.a., leider nur im Ausland erhältlich

„Was wird das alles kosten???“ Eine Zeitlang wirkt „Mädchen ohne Mitgift“ wie ein Nachzügler der „Vater der Braut“-Filme mit Spencer Tracy und Liz Taylor. Diesmal grantelt und rechnet Ernest Borgnine als Brautvater in Spe. Regisseur Richard Brooks hat aber etwas ganz anderes im Sinne und verleiht seinem Film auch tragische, dramatische Momente. Und lässt die kitschverliebte Art, in der die US-Amerikaner (und nicht nur sie) Hochzeiten feiern, noch lange nicht triumphieren. Spencer Tracy nörgelte eher aus Prinzip denn aus Notwendigkeit, aber für das Ehepaar Hurley (Borgnine und Bette Davis) ist der Stress um die Hochzeitsausrichtung eine echte existenzielle Erfahrung. Bei Tracy war die Pfennigfuchserei eigentlich nicht nötig; bei den Hurleys gingen für eine große Hochzeit Lebensersparnisse und Lebensträume drauf. Bei Tracy und seiner Film-Ehefrau Joan Bennett gingen die Befürchtungen nicht weiter als die ganz normale Angst vor dem „Zusammen-Alleinsein“; bei den Hurleys können wir sehr gut nachvollziehen, wovor sie Angst haben. Denn in ihrem Leben hing der Himmel nie voller Geigen, stattdessen hingen dort einmal 300 Dollar, die Tom Hurley dafür bekam, dass er seine Agnes ehelichte. Und dann war das Leben jahrelang so stressig, dass die beiden überhaupt keine Zeit dafür hatten, sich Gedanken darüber zu machen, wie sie miteinander auskommen – und sie kamen gerade deshalb nicht ganz schlecht miteinander aus. Die völlig normal gewordene Dauerumtriebigkeit inszeniert der Film in der Anfangsphase kongenial dadurch, dass das clevere Drehbuch Bette Davis pausenlos beim Reden irgendwelche Gegenstände in die Hand gibt und Hausarbeiten machen lässt. Und das bei der gelegentlich zu Manierismen neigenden Bette Davis – so muss man es machen! Der Zuschauer spürt sofort, sie würde eigentlich gern mit den Händen wedeln wie verrückt (was sie bezeichnenderweise später kurz vor einem kathartischen Weinkrampf auch tut), aber das Alltagsleben lässt sie nicht. So ahnen wir schon früh, dass der Focus nicht auf der jungen Generation liegen wird, sondern auf derjenigen der Eltern – hier ist eine Tragik, hier ist Frustration, hier ist ein unterdrücktes Aufbäumen oder auch Aufblühen-Wollen zu spüren, bei beiden Eltern. Desillusioniert von ihrem eigenen Leben nehmen beide die Nachricht der bevorstehenden Vermählung scheinbar ziemlich ungerührt hin und möchte später Agnes ihrer Tochter scheinbar rational und unsentimental ein paar gute Ratschläge mit auf den Weg geben. Fast schon unnötig ist, dass Bette Davis anschließend mehr zu sich selbst sagt: „Ich weiß, wie es ist, verheiratet zu sein“ – ihr leicht resignierter Blick spricht Bände, und wir ahnen, dass bald etwas an die Oberfläche kommen wird.

Leider hängt der Film im Mittelteil schrecklich durch, denn hier übertreibt es das botschaftsbeladene Drehbuch damit, Agnes archetypisch und geradezu lehrbuchhaft alles falsch machen zu lassen, was sich falsch machen lässt. Sie spricht sie Sätze wie den, dass die Kinder „es einmal besser haben sollen“, dass „sie nie etwas für ihre Tochter getan habe“ und dass „sie nun etwas tun möchte“ und ihr einen Tag schenken möchte, an den sie – die Mutter!!! – noch ewig denken könne. Es ist allzu offensichtlich, wie Agnes auf stereotype Weise Liebe mit finanziellen Zuwendungen gleichsetzt und dass sie die große Hochzeit nicht für die Tochter, sondern für sich selbst inszenieren möchte, anstelle einer Hochzeit auch, wie Agnes sie nie hatte, und als Kompensation für eine als allzu durchschnittlich und unromantisch empfundene eigene Ehe. Wohl gemerkt, in der Realität machen sicherlich nicht wenige genau den gleichen Fehler, aber Davis’ Texte bringen es zu radikal auf den Punkt. Jemand, der sich selbst betrügt und sich etwas vormacht, der spricht die Dinge nicht so klar aus, denn täte er es, würde er es bemerken. Der Zeigefinger-Dialog ist also der psychologischen Motivation der Sprecherin diametral entgegengesetzt, es entsteht eine Diskrepanz, die Bette Davis’ Agnes unglaubwürdig erscheinen lässt. Wer so redet, muss entweder unglaublich dämlich sein oder hemmungslos egoistisch, aber der Film möchte in der ganzen Charakterisierung der Agnes sagen, dass sie weder das eine noch das andere ist, sondern dass sie einfach eine normale Ehefrau aus nicht besonders gutsituierten Verhältnissen ist, bei der sich fast unmerklich eine Krise durch eine drohende Leere anbahnt. Angesichts dessen würden wir sie eigentlich gern mögen und sind wir auch gerne bereit, einmal typische Midlife-Crisis-Probleme ernstzunehmen, aber der Film macht uns das im Mittelteil verdammt schwer!

Stattdessen gibt er sich reichlich Mühe, trotz der Vorlage eines Fernsehspiels (und das hieß in den Fünfzigern vermutlich Einheit des Ortes) Bilder für die wachsende Verzweiflung Toms angesichts der drohenden Kosten zu finden: Bei der Besichtigung eines Festsaales sehen wir sicherlich nicht zufällig, dass gerade die immensen Luftschlangenberge der vergangenen Feier weggefegt werden. Tom kann gar nicht mehr ertragen, wie im Séparé die Arrangements besprochen (und die Preise genannt) werden, und er steht lieber grübelnd in der Halle herum. Was er dort sieht, lässt in wohl daran denken, dass nach der Feier ein riesiger Müllhaufen in seinem Leben zurückbleiben wird und der Rausch des Festes schnell vergangen sein wird (zumal er als Taxifahrer dann seinen Traum vom eigenen Taxi samt Konzession wird begraben können). Solche Cleverness der Gestaltung nützt aber nur bedingt, wenn der Film es uns im Mittelteil zu leicht macht, Partei für Tom zu ergreifen. Glücklicherweise steigert er sich gegen Ende doch wieder enorm. Insgesamt wird deutlich, dass auch Tom kein Heiliger ist, sondern ein Durchschnittsmann mit sehr menschlichen Schwächen, der sicherlich seinen Teil zur fragwürdigen Eheroutine beigetragen hat. Bezeichnenderweise ratzt er einmal auf dem Bett ein, als Agnes endlich mit ihm so reden will, wie die beiden das wohl viel zu selten gemacht hatten. Immer wieder gelingen dem Film solche Darstellungen des ganz Beiläufigen, die zeigen, wie festgefahren diese Ehe ist, und vor allem, wie selbstverständlich die Eheleute das nehmen. Einmalig ist in diesem Zusammenhang die bizarre Szene, in der Agnes Tom sagt, er solle sich nun umdrehen, da sie sich ausziehe. In einer jahrzehntelangen Ehe??? Brooks inszeniert es (und Davis / Borgnine spielen es) nicht wie eine Bitte, sondern wie eine Ansage, die wirkt, als sei das bei den beiden etwas ganz Selbstverständliches, dass man sich voneinander wegdreht, sich sozusagen voneinander entfernt. Obwohl der Verdacht bei einem US Film aus dem Jahre 1956 naheliegt: Selten hatte ich weniger den Eindruck, als sei diese Szene so aus Zensurgründen geschrieben, inszeniert und gespielt worden. Es ist eher die Selbstverständlichkeit des Vorgangs als der Vorgang an sich, was hier bestürzt.

Katharsis und Läuterung bei Agnes sind am Ende zwar klassisches Drama-Handwerk, aber von Bette Davis exzellent gespielt: Erst steigert sich ihre Nervosität fast unmerklich (paradoxerweise gerade WEIL es von Bette Davis gespielt wird und weil sie es deutlich erkennen lässt – eine Zeitlang denken wir nämlich, das gesteigerte Handwedeln und Herumnesteln am Rock, das werde schon nichts zu sagen haben, das sei halt normal bei der Davis…). Dann bricht sie zusammen – so, dass es nicht aufgesetzt wirkt, sondern in jeder Sekunde absolut verständlich, zumal sie immer wieder ihre Momente der mühsamen, aber doch erfolgreichen Contenance hat, was ihre gehaßliebte Rolle als Rädchen im Uhrwerk der Familie fühlbar werden lässt, die doch für Millionen von Familienmüttern so typisch (gewesen?) sein muss. Und schließlich kann sie in ziemlicher Ruhe und angenehm unaufgeregt ihre Einsicht demonstrieren – und danach handeln. Wie, das wird nicht verraten. Trotz eines schwachen Mittelteils ein sehenswerter Film, übrigens fein gewürzt mit vielen sympathischen Nebenfiguren wie einem Onkel der Braut, der noch einmal seinen ichweißnichtwievielten Frühling erlebt.

Fazit

Das finstere mittlere Alter… Sympathische Tragikomödie um die Verheiratung der Tochter und eigene Träume, leider mit Schwächen im Mittelteil.

Gesamtwertung

70%

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