Ein Fremder ruft an (Phone Call from a Stranger) (DVD)

3321 0 3 25. November 2010
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Menschen in der Fremde

Rezension von „Ein Fremder ruft an“ (Phone Call from a Stranger), Drama, USA 1951, schwarzweiß, ca. 96 Minuten, Regie: Jean Negulescu, mit Gary Merrill, Shelley Winters, Michael Rennie, Bette Davis. Leider ist die DVD nur in den USA erhältlich, und jeder möge sich anhand von Youtube selbst überlegen, ob es der besseren Qualität willen lohnenswert erscheint, sich diese Scheibe zu besorgen. Da ich mich dagegen entschieden habe, gibt es diesmal leider nicht die üblichen kommentierten Screenshots.

Wenn man von „Phone Call from a Stranger“ gerade einmal gehört hat, dass Bette Davis (ein bißchen) mitspielt, wird man überrascht sein. Der geheimnisvolle Titel und die regennasse Nacht der Anfangsszene lassen einen film noir erwarten. Doch dann befinden wir uns auf einmal mit vier Leuten in einer gottverlassenen Gegend im Warteraum eines Flughafens, und anschließend in einem Flugzeug. Etwas arg gemächlich entfaltet der Film Skizzen vierer Leben, bevor das Flugzeug abstürzt und nur einer der Männer (Gary Merrill) überlebt. Da die Notgemeinschaft ihre Adressen und Telefonnummern ausgetauscht hatte und sich so etwas wie Verbundenheit eingestellt hatte, bekommen nun drei Familien den titelgebenden Anruf – was ihr Leben für immer verändern wird.

Der Film hat auf mich einen ziemlich durchwachsenen Eindruck gemacht. Auch im zweiten, in drei Episoden zerfallenden Teil ist er nicht frei von Längen und breitet gelegentlich das schon vorher Offensichtliche überraschungsarm und etwas stereotyp aus. Das ist halbwegs passable Unterhaltung, oftmals aufrichtig rührend, manchmal zäh, in Episode zwei und drei aber mit originellen Beigaben, hierzu später. Zunächst – und das ist bei diesem Film leider schrecklich wichtig – muss gesagt werden, was die verbindende Idee, die Botschaft ist. Diese trägt der Film leider knüppeldicke und auch zu moralisierend und kitschig auf. Hier werden die Bande der Familie hochgehalten, indem mehrere Menschen dabei gezeigt werden, wie sie versuchen, diese zu verlassen und sich aus einer Verantwortung zu stehlen. Womit sie ihren Nächsten schaden, aber natürlich ganz kräftig sich selbst – so etwas tut man einfach nicht, schreit uns der Film entgegen. Der Film verstärkt diese Aussage noch, indem (vor allem in Episode eins) das Verlassen geradezu teufelskreisartig weitere Akte des Verlassens der Verlassenen provoziert, die selbstverständlich negative Folgen haben und rückgängig zu machen sind. Dies zeigt immerhin eine erzähltechnisch beeindruckende Stringenz auf, die es noch für so manch anderes Detail gibt. Dass unsere Viererbande sich aufgrund einer unwetterbedingten Zwischenlandung in einer Art Niemandsland zusammentut, ist sicherlich kein Zufall – es sind Entwurzelte, Verirrte, Ortlose, die auch allegorisch außerhalb ihres Lebens stehen. Schon früh ist klar, dass man ihren Erzählungen nicht ganz trauen kann – des leutseligen Handelsvertreters Jovialität wirkt aufgesetzt, und dass er mit der bildschönen jungen Frau auf einem mitgeführten Foto verheiratet ist, weckt unsere Zweifel. Das Revuegirl (Shelley Winters) durchschaut zwar die Seelenlage der anderen am besten, ist aber ebenfalls auf der Flucht vor einem erzwungenen Dauerengagement in einer viertklassigen Show, in der sie zwischen der Schwiegermutter und dem Gatten aufgerieben wird. Ein Arzt (Michael Rennie) hat sogar im wörtlichen Sinne „seine Leichen im Keller“ – okay, nicht verbuddelt, aber er hatte betrunken mehrere Menschen totgefahren, verließ seine Familie und konnte zwar dem Arm des Gesetzes, aber nicht seinem Gewissen entgehen. Ein Rechtsanwalt – der Mann, der überleben wird – ist gerade dabei, seine Frau und Töchter zu verlassen, und obwohl er mit seinen Anrufen und Begegnungen anderen Menschen hilft, benötigt er diese Hilfe ebenso selbst. Entscheidend ist, dass alle Personen mit ihren Fluchten nicht glücklich sind und nicht zu ihnen stehen können, auch der Anwalt nicht, der doch gerade erst dabei ist, seine Zelte abzubrechen. Er gibt auf dem Flughafen einen falschen Namen an und geht nicht an den Schalter, als sein Name – wohl auf Veranlassung seiner Frau – ausgerufen wird. Indem er mit den anderen Entwurzelten zusammenkommt, muss er einen Eindruck davon gewinnen, wie es mit ihm und seiner Familie in ein paar Jahren stehen könnte, und was er da sieht, gefällt ihm ganz und gar nicht.

Klingt das nach heftig geschwungener Moralkeule? Ja, und das ist es auch. Besonders ärgerlich ist an diesem ganzen bigotten Panoptikum, dass auffällig oft die „Sünden“ der Protagonisten schwer bestraft werden. Dass der Arzt unter Gewissensqualen leidet, geht ja noch, zumal seine Verfehlung von einigem Gewicht war: Eine dreifache fahrlässige Tötung ist schließlich keine Petitesse! Aber muss Bette Davis’ (als Gattin des Handelsvertreters – übrigens war das Foto echt, aber sehr alt) Flucht aus der Ehe gleich mit einer Lähmung bestraft werden, die sie sich „passenderweise“ bei einem Badeunfall mit ihrem Liebhaber holt? Selten ist so prompt die Strafe auf die Tat gefolgt, mit der diese Frau einmal aus sich herausgehen und „den Sprung ins kalte Wasser wagen“ wollte! Wieder einmal dehnt der Film das viel zu lange aus, denn nachdem wir um Davis’ Lähmung schon wissen, kommt eine Rückblende. Eigentlich ein passables Mittel, nach einem Resultat die Erklärung zu liefern, das kann spannend, kurios, tragisch, komisch, absurd oder was auch immer sein. Hier ist jedoch das Wie problematisch: Zu dem Badeunfall kommt es recht schnell, aber danach lässt sich der Film noch Zeit, bis die Krankheit offenbar und nicht mehr zu stoppen ist. Während dieser Zeit schleppen wir das Vorwissen mit uns herum und müssen zuschauen, wie Davis noch gar nichts von den Folgen der Verletzung bemerkt und sich beim „Durchbrennen“ noch ein bißchen zu amüsieren versucht. Signifikant ist die Montagesequenz, in der Neonschriften verschiedener Bars oder Road Houses eingeblendet werden: Da will diese Frau sich also – rastlos von Ort zu Ort fahrend – mit ihrem Neuen amüsieren, aber „ätsch, mit dieser Bewegungsfreiheit wird es bald vorbei sein, das hast Du nun davon“, scheint uns der Film zu sagen. Anders kann ich mir nicht erklären, warum er uns noch so lange bei dem Rennen ins Verderben zuschauen lässt und uns dabei den genannten Informationsvorsprung gibt. Und dann: Die Frau bekommt ja nicht IRGEDEINE Krankheit!!! Lähmung ist schon „richtig“, wenn man propagiert, dass ein Freiheitsdrang Teufelszeug ist und man bei seinem Gatten bleiben möge. Auch dass dieser sich am Ende wider Erwarten als treu und charakterfest erweisen wird, während der Liebhaber angesichts der Aussicht auf ein Leben mit einer Behinderten die Biege macht, passt in das Schema.

Müssen gleich drei der vier Hauptdarsteller bei dem Flugzeugabsturz ums Leben kommen? Zugegeben, davon hängen Clou und Fortgang des Dramas ab, aber was dramaturgisch ganz nett ist, ist moralisch fragwürdig: Katharsis nur durch den Tod. Natürlich wird der Anwalt am Ende lernen, dass er doch besser zu seiner Frau zurückkehrt, der es natürlich auch schon längst Leid tut, sich in einen anderen verliebt zu haben.

Trotz dieser starken Vorbehalte hat der Film aber auch seine Momente, vor allem in der zweiten und dritten Episode der zweiten Hälfte. Bei dem Segment um Shelley Winters kommt es in einer Art Mini-Rashomon zu zwei ersichtlich gelogenen Rückblenden, wobei Winters vermutlich ein Mittelding zwischen der Schlampe aus der Schilderung der Schwiegermutter und der aufopferungsvollen, großen Künstlerin aus der Erzählung des Anwalts war. Letzterer ist angenehm bereit, auch einmal eine Lüge zu erzählen, um der Toten die letzte Ehre zu erweisen und die Lebenden zu ein bißchen mehr Demut zu nötigen (übrigens gibt es auch in Episode eins eine kleine Lüge um des Familienfriedens und des Andenkens des Arztes willen). In Episode drei schließlich haben wir nicht nur die große Bette Davis in einer berührenden Rolle, sondern legt sie auch Zeugnis davon ab, dass Menschen nicht immer das sind, was sie scheinen. So kommt der Handelsvertreter im Nachhinein als aufrichtig liebender Mann und Fels in der Brandung weg, der uns in der ersten Filmhälfte am meisten enerviert hatte und hinter dessen Possenreißerei wir Verlogenheit oder mindestens Unsicherheit vermuteten. Letztlich wird aber auch solche Ambivalenz der allgegenwärtigen simplen Propagierung der family values geopfert, wie ich anhand der Bette-Davis-Episode bereits dargelegt hatte.

Regisseur Jean Negulescu ist ein manchmal erstklassiger Regisseur zweiter Güte – eher Handwerker als auteur, d.h. wenn Script und Team gut waren, waren auch seine Filme gut, aber wenn nicht, war er verloren. Das kann man am vorliegenden Film besonders gut sehen: Er setzt den mittelmäßigen Stoff so gut um, wie es eben geht. Da nützt nicht einmal Bette Davis etwas, oder das manchmal unangenehm kitschige Anschwellenlassen der Musik von Franz Waxmann mit einem Himmel voller Geigen. Himmelherrgottnochmal! Daher nur die halbe Punktzahl.

Fazit

Ein guter Geist heilt Wunden des Verlassens von Familien – und der Film ist manchmal von allen guten Geistern verlassen. Teils interessantes, teils langweiliges, teils übertrieben moralinsaures Drama.

Gesamtwertung

50%

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