Die Farm der Besessenen (The Furies) (DVD)

4086 0 3 26. November 2010
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Wer auf dem Bullen reitet

Rezension zu „The Furies“, dt.: Die Farm der Besessenen, USA 1950, Regie: Anthony Mann, mit: Barbara Stanwyck, Walter Huston, Wendell Corey, Judith Anderson, Beulah Bondi – leider nur als US-Import erhältlich, kommentierte Screenshots werde ich zu einem späteren Zeitpunkt nachliefern

Schicksals- und Familiendrama, Märchen, psychologischer Familienroman, fast schon inzestuöse Vater-Tochter-Beziehung, Finanzmarktkrimi, Film Noir, Western. Wer sich „The Furies“ ansieht, muss sich schon auf etwas gefasst machen. Anthony Mann entwirft ein beeindruckendes, vielschichtiges Panorama. Um 1870 hat sich T.C. Jeffords (Walter Huston in seiner letzten Rolle) in New Mexico als rücksichtsloser Rinderbaron und Eigner der Farm „The Furies“ sein Königreich geschaffen. Dass es auf Raub und Gewalt gebaut ist, lässt sich leicht erkennen. Bei seiner Rückkehr von einer Reise stellt er seine Entourage vor: Der Buchhalter ist offensichtlich ein Gauner und Schlawiner, der Freund und Ausputzer „El Tigre“ ein Jeffords sklavisch ergebener zahmer Kater, der seine Krallen jedoch nach außer zeigt: Er habe einmal einen Mann aufgeknüpft, bloß weil dieser Jeffords widersprochen habe. Der Koch hatte schon unter Napoleon gedient, mit dem Jeffords sich ganz gern vergleicht. Sein Bargeld hat Jeffords selbst gedruckt: „T.C.s“, die angeblich in der ganzen Gegend als Zahlungsmittel akzeptiert werden. Wir merken gerade bei dieser Geld-Geschichte jedoch relativ schnell, dass sie eine Luftnummer ist: T.C.s sind eigentlich Schuldscheine. Jeffords hat sich Land genommen, das ihm nicht gehörte, und Scheine für Geld gedruckt, das er nicht hat. Sein Imperium ist bedroht, eine Hypothek muss aufgenommen werden. Derweil zerfällt sein Familienimperium: Seine Gattin ist schon lange verschieden und hat ihm damit gezeigt, dass er nicht alles besitzen kann – wie konnte sie auch wagen, zu sterben, ohne ihren „Eigentümer“ T.C. um Erlaubnis zu fragen? Sein Sohn heiratet und verschwindet aus dem Dunstkreis des Imperiums (und damit aus der Geschichte). Doch da ist ja noch die Tochter mit dem aggressiven Namen Vance – Auftritt für Barbara Stanwyck! Sie bringt eine freudianische Schizophrenie in die Geschichte, die Anthony Mann inszenatorisch weidlich auskostet: Einerseits hat sie von ihrem Vater das Rücksichtslos-Selbstbewusste geerbt, andererseits muss sie dies irgendwann gegen ihn aufbringen. Dadurch ist sie (und dies ist nur scheinbar ein Widerspruch) genauso vaterhörig wie starrköpfig, möchte immer zugleich ihrem Vater ent- und widersprechen. Dies muss irgendwann zur Katharsis führen. Als reichte dieser Konflikt noch nicht, muss sie – ganz die Stiefmutter/-tochter Beziehung aus dem Märchen rezipierend – eine zukünftige zweite Frau T.C.s aus dem Weg zu räumen versuchen. Und sie muss Stellung beziehen zu ihrem Jugendfreund Juanito Herreira, einem Mexikaner, dessen Familie seit der „Landnahme“ T.C.s als illegale Siedler angesehen wird. Am Schrecklichsten ist für sie dabei, dass sie sich noch in der scheinbaren Rebellion gegen den Vater mit einem Mann zusammentut, der diesem nicht unähnlich ist und den bezeichnenden Namen „Rip“ trägt (Wendell Corey). Er ist ein Spieler und Dandy, man denkt bei seinem Namen an „rip-off“, die Abzocke. Obwohl er viel falscher und verschlagener als der brutal ehrliche und ehrlich brutale T.C. wirkt, arbeitet die Regie fein heraus, wie ähnlich sich die beiden sind: In mehreren Szenen stellen sie jeweils gegenüber Vance heraus, wie stark sie von sich eingenommen sind. Und als T.C. ein Fest gibt, sieht man in am Kartentisch. Er fragt sich gerade, ob er seinen Trumpf ausspielen oder behalten solle. Als ihm gemeldet wird, der ungebetene Gast Rip sei eingetroffen, legt T.C. die Karten hin und sagt: „Ich passe.“ Wenig später wird Rip davon reden, dass er ein Spieler sei und bei guten Aussichten alles riskiere, aber bei Gefahr passe – wir merken im Nachhinein, dass Rip für T.C. eine ernsthafte Gefahr geworden ist. Vance wird sich in Rip verlieben, auch wenn sie zunächst Gegner und später „nur“ Partner bei einem Schurkenstück sind. Dabei bestätigt sich, dass Rip ein Ersatzvater ist bzw. ihr Vater T.C. immer ein Ersatzehemann war. Wenn sich Vance und T.C. übers Heiraten unterhalten, kommt zum Ausdruck, dass sie einen Mann finden müsse, der dem Vater gleichkomme. Wenn Rip zu Vance sagt, sie werde nie heiraten, weil sie schon mit der Farm verheiratet sei, so trifft das nicht ganz den Kern: Sie ist mit ihrem Vater verheiratet. Sie betritt das Zimmer der Witwe, was sonst niemand wagt, sie zieht zur Hochzeit ihres Bruders ein Kleid der Witwe an – sie möchte T.C.s Frau sein. Weil sie aber stark und klug ist, erschrickt sie immer auch ein bißchen darüber. Als sie einmal eine Attacke gegen Florence (Judith Anderson) führt, die zur neuen Frau T.C.s werden soll, sehen wir unmittelbar vorher Florence in vielen Spiegeln. Sie ist auch außerhalb des Bildkaders als Bedrohung omnipräsent, aber Vance führt fast die Attacke gegen ihr eigenes Spiegelbild. Hiernach sucht Vance Zuflucht in der heilen Welt ihrer Jugend, sie flüchtet zu Juanito. Doch diese Flucht zeigt der Film als ganz und gar unmöglich: Vance ist das vierte Mal mit Juanito zusammen, jede dieser Einzelszenen ist düsterer, bedrückender, aussichtsloser geworden. Und nun kommt es zu einem Kampf, in dem T.C. an einem weiteren, bisher unerwarteten Punkt seine Seelenverwandtschaft mit Rip unter Beweis stellt: Der anscheinend wenigstens aufrichtige T.C. wird sein Wort brechen und Juanito aufhängen lassen. Der sowieso immer schmaler gewordene Korridor für Vances Rückkehr in eine heilere Welt ist geschlossen.

Was sich in der zweiten Hälfte des Filmes abspielt, zeigt einen Racheplan Vances, den sie zusammen mit Rip ausführt. Die auch optisch düsteren Welten dieses Noir-Western werden durch ein paar zynische Statements eines Finanzmarktkrimis ergänzt. Vance hatte am Anfang des Filmes eine Generalvollmacht von T.C. erhalten. Durch Insichgeschäfte mit der T.C.-Währung drückt sie deren Kurs und kann sich daraufhin schließlich über Umwege die Farm unter den Nagel reißen. In der Finanzmarktsprache nennt man das einen „bear raid“, weil der Bär seinen Prankenhieb von oben nach unten ausführt. Dementsprechend war die Mexikaner-Familie Juanitos, zu dem sich Vance hingezogen fühlt, immer mit den Bergen verknüpft, wo sie lebte und von wo aus sie ihre Attacken gegen T.C. von oben nach unten ausführte. T.C., der sich einen hohen Kurs für seine Währung wünscht, ist durchgängig mit dem börsianischen Gegenbild des Bären assoziiert: mit dem Bullen. Der Bulle stößt seine Hörner von unten nach oben, T.C. kämpft gegen die mexikanischen Herreiras aus der Ebene heraus, T.C. hilft einem Kalb aus dem Sumpf (und steckt eigentlich selbst bis zum Hals im Sumpf, aus dem er sich bezeichnenderweise in der besagten Szene nur durch Wut befreit). Gegen Ende packt er einen Stier wortwörtlich bei den Hörnern und zwingt ihn zu Boden. Und ausgerechnet dieser Bulle wird von dem Bären besiegt. Verräterisch ist schon das Motiv auf seiner T.C.-Währung: Eine Frau reitet auf einem Stier, hier einmal nicht Europa, sondern (obwohl wir das Bild nie sehen) zweifelsohne Vance. Ganz nebenbei wirft der Film einen ätzenden Blick auf das Bankwesen: Ein potenzieller Kreditgeber zu Beginn erweist sich als noch rassistischer als der seinerzeitige Standard des Establishments und ist wegen der Vermeidung eines vermeintlichen Skandals bereit, T.C. ungeprüft einen Kredit zu geben. Auch Zocker Rip ist im Hauptberuf bezeichnenderweise Bankier (im Herzen aber Zocker geblieben). Seine Bank und die „Anaheim“-Bank verflechten sich auf eine Weise, die der Kunde möglichst nicht mitbekommen soll. Als Vance aus taktischen Gründen das Darlehen ihres Vaters bei der Anaheim-Bank verlängern lassen muss, rennt sie erst von Pontius zu Pilatus – so undurchsichtig ist, wer eigentlich die wichtigen Entscheidungen trifft. Rip ist es nicht, Anaheim Junior ist es nicht, Anaheim Senior ist es zwar offiziell, aber er steht unter der Fuchtel seiner Gattin (Beulah Bondi in einer kleinen, aber markanten Rolle): „Mr. Anaheim kontrolliert die Bank, aber ich kontrolliere Mr. Anaheim.“ Am Ende einer Kette, die nur jemand so Enegrisches und Kluges wie Vance überschauen kann, regiert eine ebenso energische und kluge Frau, die nach Gutdünken über beträchtliche Beträge entscheiden kann. Hier laufen die Dinge nur über Mauscheleien. Wer in diesem Film Geldsummen hin- und herschiebt, ist ein Schlawiner (auch T.C.s Buchhalter ist einer, er hatte sogar wegen krummer Dinger gesessen) oder eine willenlose Marionette. Und am Ende siegt die Frau, immer. „The Furies“ ist nicht zuletzt unerhört modern, wiewohl uns der Originaltitel auch darauf stößt, dass die Furien in der griechischen Mythologie weiblich sind.

Es lohnt sich übrigens, bei diesem Film auch auf Kleinigkeiten zu achten. Auf den ersten Blick lebt er eher von mächtig-übermächtiger Düsternis, weil ihn fatalistische Unausweichlichkeiten und Schicksalsmächte mehr zu interessieren scheinen als subtile Zwischentöne und Wendungen. Doch bei genauerem Hinsehen stimmt das eigentlich nicht. Insbesondere lohnt beim zweiten Sehen ein Blick darauf, wie im Kleinen immer schon Zukünftiges angedeutet wird. Achten Sie zum Beispiel einmal darauf, wie früh Vance bereits mit der Schere hantiert, mit der sie viel später Florence verletzen wird. Oder dass El Tigre mit der Erzählung eines Lynchmordes eingeführt wird, mit dem er zum Vollstrecker von T.C.s Willen wurde – genau so, wie er später Juanito aufhängen wird. Oder wer wie in einem Stuhl T.C.s sitzt, der wie Stierhörner geschnitzt ist und eine Nähe zu T.C., aber auch Macht symbolisiert. Zu Beginn darf Vance wie selbstverständlich darin sitzen und die bestiefelten Füße selbstbewusst auf den Tisch legen. Später, als Florence in das Königreich einzudringen droht, sitzt Vance einmal reichlich verstört dort und befingert dieses Stierhorn an der Rückenlehne wie jemand, der sich verzweifelt an etwas klammert – was sie ja auch tut, obwohl sie später nicht nur Florence, sondern auch T.C. bekämpfen wird. Immer wieder dieser Widerspruch: Es klammert sich die Tochter an etwas, das sie doch bekämpfen wird. Letzten Endes bleibt er im nur vordergründig glücklichen Finale unaufgelöst: T.C. hatte Rip und Vance den Rat gegeben, ihr Kind nicht T.C. zu nennen, weil darin zu große Erwartungen lägen. Diesen Rat werden sie missachten.

Fazit

Vielleicht die Mutter der psychologischen Western, und noch viel mehr: Ein in jeder Hinsicht meisterhafter Film.

Gesamtwertung

95%

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