Die Ehrgeizige (Payment On Demand) (DVD)

3318 0 3 29. November 2010
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Die Verblendete

Rezension von: „Payment on Demand“ („Die Ehrgeizige“), Scheidungsdrama, USA 1950/51, schwarzweiß, ca. 85 Min., Regie: Curtis Bernhardt, mit: Bette Davis, Barry Sullivan, Francis Dee – erhältlich von Warner Brothers on demand

Stellen Sie sich einfach einmal vor, Ihr Ehemann oder Ihre Ehefrau sagt Ihnen, nicht mehr mit Ihnen zusammenleben zu wollen – und zieht noch am selben Abend ins Hotel. Einfach so! Eine Welt bricht für Sie zusammen. Vermutlich ließen Sie erst einmal fassungslos Ihr Leben vorüberziehen, auf der Suche nach Antworten auf das quälende „Warum bloß?“. So ergeht es der gutsituierten Joyce (Bette Davis), in einem Film, der 1950/51 ein Scheidungsdrama angesichts der seinerzeit herrschenden Hollywood-Verklemmtheit erfreulich offen und ehrlich abhandelt. Natürlich merken wir sehr schnell, dass ihr Mann David (Barry Sullivan) nicht „einfach so“ Tschüss gesagt hat. Nora hatte diesen genauso gutmütigen wie etwas schwachen Mann immer hübsch nach ihrem Bilde geformt, versucht mit den beiden Töchtern dasselbe, und ordnet(e) dabei alles dem gesellschaftlichen und finanziellen Aufstieg unter. Das ewige Speichellecken bei den richtigen Leuten, dieses ewige Fassadenpflegen hatte David irgendwann satt – hat es ihn doch in einen goldenen Käfig befördert, in dem er niemals die Interessen und Kontakte pflegen kann, die ihm wirklich wichtig sind. Das „Frei werden“, was man mit einer Scheidung verbindet, hast für David eine existenzielle Bedeutung, so scheint es! Und Joyce muss lernen, zu erkennen, wie sie sich eigentlich verhalten hat, über die ganzen Jahre. Regisseur Curtis Bernhardt zeigt dies kongenial in teilweise sehr eigenwilligen Überblendungstechniken, in denen Wände verschwinden und die Vergangenheit die Gegenwart beinahe verschlingend zu überlagern droht (der nicht ganz uneitle Bernhardt war auf diese stilistischen Extravaganzen stolz wie Oskar, das lässt sich nachlesen, aber sein nach eigener Einschätzung bester Film kann sich tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes sehen lassen). Man darf diesen Film aber nicht auf Kamerastil reduzieren, denn er brilliert auch noch mit einem hervorragenden Script, einigen hochinteressanten Nebenrollen und einer exzellenten Bette Davis. In den weit zurückgehenden Rückblenden sieht man zwar gelegentlich, dass sie (die mit 42 ehrlich gesagt schon ein bißchen älter aussah) für die Rolle beinahe zu alt gewesen wäre, aber eben nur beinahe: Was die Fältchen zeigen, macht sie mit einem glänzenden Spiel wieder wett. Sie chargiert nicht so gnadenlos wie in ihrem schauerlichen Warner-Brothers-Abgesang „Der Stachel des Bösen“, in dem sie ihre „Achtung, ich bin mit 40 noch Vamp“-Masche arg übertrieb. Stattdessen ist sie (mit latent aggressivem Ehrgeiz) positiv gestresst und hibbelig enthusiastisch als junge Frau, von überlegender Dominanz, aber auch Contenance als reife Frau, schließlich nach der Trennung erkennbar unsicher hinter einer sinnsuchenden Jovialität und am Ende verzweifelt. Doch auch dann übertreibt sie noch nicht, sondern darf noch einmal ihre ganz große Bette-Davis-Schlussszene haben, in der sie sichtlich gealtert ist, aber in der Verzweiflung zu einer gewissen Würde zurückfindet (oder sie vielleicht erstmals findet). Nicht nur in dieser Szene ist „Payment on Demand“ feinstes Schauspielerkino; es lohnt sich gerade zu Beginn, ihre sehr zurückgenommenen, aber dennoch akzentuiert eingesetzten Manierismen zu beobachten. Ein kleiner Fingerzeig hier, ein winziges Tätscheln dort, ein kleines Zusammenzucken über den tschechischen Namen des Freundes ihrer Tochter und ein kleines Brauenheben bei der Frage dieses Mannes, welcher Nation Joyce denn sei („Amerikanerin natürlich“ – die Frage ist übrigens eine herrliche Sottise angesichts der Tatsache, dass dieser tschechischstämmige Mann selbstverständlich auch US-Amerikaner ist und wohl nur darauf hinweisen wollte, dass das bei einer Einwanderernation nicht viel heißt und dass auch Joyce „irgendwoher kommt“, was zu einer, die sich mit Elenbogen nicht immer fein hochgearbeitet hat, exzellent passt. Nur mal nebenbei, Curtis Bernhardt hieß auch einmal mit Vornamen Kurt…). Obwohl es lange Zeit so scheint, als seien die Sympathien im Scheidungskrieg ziemlich klar zuungunsten der Mutter verteilt, erreichen Bernhardt und Davis etwas, das bei der Letzteren Neigung zum Overacting ganz schnell hätte schief gehen können: Dieser Film verdammt sie nicht, er zeigt nicht mit dem Finger auf sie, er interessiert sich wirklich für sie und gibt ihr Stimme, Gesicht und Seele statt nur Zerr- und Abbild des vorurteilsbehafteten Mannes, der eine starke Frau neben sich nicht aushalten kann. Es ist nämlich – Dank an Bette Davis – klar, dass diese Joyce tatsächlich am meisten sich selbst belogen hat. Sie ist kein Dreckstück! Sie ist in dem Sinne unschuldig, dass sie wirklich glaubt, in dieser Ehe sei immer alles in Ordnung gewesen. Sie kann wirklich nicht verstehen, was ihren Mann stört, obwohl wir Zuschauer es sehr gut verstehen können. Aber in dieser unverständigen Unschuld ist Joyce sehr glaubhaft. Manchmal kann jemand so lange lügen und etwas vorspiegeln, bis auch er – oder hier sie – selbst daran glaubt, wirklich glaubt. Klar, dass für so jemanden eine Welt zusammenbricht. Erfreulicherweise nicht sofort, was dem Film einen unsäglichen moralinsauren Beigeschmack gegeben hätte. Bei der rechtlichen Regelung der Scheidung darf Joyce noch einmal richtig hinlangen, wie das nur die Davis spielen kann. Joyce ist eine Verblendete, und sie muss erst langsam durch Rück-Blenden wieder zum Sehen gebracht werden.

Daneben ist der Film mit sicherer Hand für die alltäglichen und nicht alltäglichen Familien- und sonstigen Situationen geschrieben und inszeniert, die eine Ehescheidung mit sich bringen kann. Hier ist es, wo der Film von jeder Menge skurrilen, berührenden oder auch tragikomischen Momenten und Nebenfiguren lebt. Die leider viel zu unbekannte Francis Dee gibt David zwar den Laufpass, aber berührt mit aufrichtigem Blick, der ganz klar sagt: Eigentlich liebe ich Dich über alles, aber ich bin klug genug, um zu erkennen, dass das mit uns nichts würde. In diesem scharf geschnittenen Gesicht, das aber über relativ große Augen verfügt, spielen sich Dramen ab, mit ganz minimalen Mitteln. So herrlich paradox hat man noch nie eine unendlich große Liebe hinter einer formellen Zurückweisung gesehen, die wir als mutige, weise und absolut richtige Entscheidung einer Frau goutieren können, die 1951 schon so selbstbestimmt ist, dass sie lieber Single bleibt, als aus Mitleid genommen zu werden. (Am Ende macht die Davis es ihr ein bißchen nach, was zeigt, dass sie etwas gelernt hat – aber die Parallele wirkt nicht forciert und nicht moralinsauer, zumal es ein open end ist, aber Francis Dee endgültig Schluss gemacht hatte). Bei den beiden Töchtern wird zu Beginn mit sehr unterschwelligen Andeutungen gezeigt, dass es eine mehr zum Vater zieht und eine mehr zur Mutter. Was der Film im Falle der „Vater-Tochter“ Martha niemals missbraucht, um auf die Mitleidsdrüse zu Gunsten eines jahrelang herumgeschubsten Mannes zu drücken. Im Gegenteil; in einer entscheiden Szene wird Martha sich entscheiden, bei der Mutter zu leben, weil sie bei demjenigen sein möchte, der sie mehr brauche. Wie schon gesagt, der Film ist keinesfalls misogyn, er nimmt seine Joyce sehr ernst und ist auch deswegen nicht einseitig, weil umgekehrt David eigentlich schon längst hätte einmal aufbegehren sollen. Obwohl er meist als der Sympathischere dargestellt wird: Auch seine jahrelange Passivität ist Schuld daran, dass im Großen über der Familie zusammenbricht, was man im Kleinen schon viel eher hätte angehen sollen.

Ziemlich irre ist dann noch Joyces’ Herumirren auf den Weltmeeren des Globus (sie macht eine Kreuzfahrt) und der Gefühle: Eine ältere Freundin ist inzwischen dem Suff verfallen und lässt sich von einem viel jüngern Mann aus dem früher doch so verachteten „einfachen Volk“ gegen Geld unterhalten und wohl auch begatten. Dies wirkt richtiggehend erschreckend, zum einen, weil der Film für 1951 die Dinge recht offenherzig auf den Punkt bringt, und zum anderen, weil diese Frau früher als Comic Relief einer „lustigen Exfrau“ eingeführt worden war. Hinter ihrer heiteren Attitüde lauerte schon zu Beginn noch relativ gut versteckt die Tragik. Später finden wir eine jämmerlich verfallene Person vor, die sich an dieser zur Karikatur und hässlichen Fratze verkommenen Jovialität festklammert wie am letzten Strohhalm. Wir vergleichen natürlich unbewusst mit der vorherigen Szene, und der Schock rührt wohl aus der Kombination von der immensen Fallhöhe mit den nicht minder immensen Bemühungen, dies zu verbergen – was zu einer Diskrepanz zwischen Schein und Sein führt, die man nur noch grotesk nennen kann. Joyce muss auch noch auf ganz andere Weise bemerken, dass ihr dasselbe drohen könnte: Sie lernt einen Stenz kennen, dem das Drehbuch eine sehr metaphernreiche Sprache geschenkt hat („Wie orientiert man sich an den Sternen, wenn es bewölkt ist?“ – „Man lässt sich erst einmal treiben (!) und wartet auf besseres Wetter (!!).“). Und der irgendwann unverhohlen zu erkennen gibt, dass er eine Familie hat und auch behalten möchte, wohingegen er Joyce nur für sein Parallelleben haben möchte – auf gut deutsch als Abenteuer für die Kiste. So hatte sie sich das Treiben (ähem) nicht vorgestellt! Damit ist der Weg frei für eine Läuterung – oder sagen wir einmal, eine Art Läuterung, denn, um in der Metaphernsprache der Kreuzfahrt-Episode zu bleiben: Der Film umschifft die Kitsch-Klippen wie gesagt äußerst geschickt. Bewundernswert angesichts eines Themas, bei dem sie an allen Ecken meterhoch lauern. „Payment on Demand“ ist tatsächlich – und ich dachte, ich hätte schon viel gesehen – noch einmal einer der ganz großen, meisterhaften Bette-Davis-Filme, sowohl die Hauptdarstellerin als auch den Film als Ganzes betreffend.

Fazit

Aber das Scheiden macht, dass mir das Herze lacht? Hier nicht! Schmerzliche Erkenntnisse in einem exzellenten Drama mit einer überragenden Bette Davis.

Gesamtwertung

95%

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