Filmkritik: Geständnisse (DVD)

5701 0 2 13. August 2013
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Titel:Geständnisse - Confessions
EAN:4260017064471
USK:Freigegeben ab 16 Jahren
Label:Alive - Vertrieb und Marketing/DVD
Release:2011-11-18

Japan – Land der aufgehenden Sonne. Land des Sushi, der Samurai und Ninja. Land der Verbeugung und der Ehre, der unterkühlten Freundlichkeit und des übertriebenen „Kawaii“ – Tums („kawai“ – süß, niedlich, putzig). In diesem Land der Anzugträger und Geishas gibt es nur innere Vergebung, buddhistischen Frieden und Ausgeglichenheit, sowie unsagbare Selbstlosigkeit und Loyalität….NOT.

„Geständnisse“ (DVD 2010) zeigt die andere Seite Japans. Die, in der Rache nicht nur eiskalt, sondern auch berechnend und ohne Rücksicht auf Kollateralschäden serviert wird. Auf dem Cover der DVD sieht uns die Hauptdarstellerin Takako Matsu an. In ihrem Auge spiegelt sich etwas, doch was es ist wird man erst durch den Film begreifen. Ihre Lippen sind zu einem Mona Lisa Lächeln erstarrt, ihr Blick ist kalt und ihre Haut schneeweiß. Sie hat ein Ziel und dieses Ziel wird weder von Mitgefühl noch von ihrer Berufsehre gestört. Ihr Ziel ist Rache. Rache an den Mördern ihrer kleinen Tochter. Rache an den Schülern ihrer Klasse.

 Vorab…

…sei gesagt, dass „Geständnisse“ (DVD) einer der Filme ist, die es nie in Deutschland auf große Erfolge gebracht haben und bringen werden. Jetzt schon, obwohl der Film 2010 erschienen ist, findet man ihn in der Grabbelkiste des Medienhändlers unseres Vertrauens für 4,90€ – oder aber in der 1€ Kiste der Videotheken. Dies zeugt wieder einmal davon, dass sich die breite Masse der Käufer davon abschrecken lassen, dass es in einem japanischen Film mal weder um Hentai ( = gezeichnete Pornographie) noch um Anime ( = gezeichnete Filme) noch um irgendwelche Martial Arts und/oder Samurai Anliegen geht. „Geständnisse“ (DVD) ist im Genre Drama/Psychothriller zu Hause – ein Genre in dem wir Deutsche uns seit „Das Experiment“ (Kino 2001) und den diversen Kriegsaufarbeitungsfilmen wie „Sophie Scholl“ (Kino 2005) oder „der Untergang“ (Kino 2004) im Heimvorteil sehen. Die Japaner hingegen haben eine ganz eigene Definition und Rahmenbedingungen für dieses Genre geschaffen und verbinden es mit ihrem eigenen, kulturellen Erbe von Ehre und Verbundenheit zu den Angehörigen. Und dies gilt nicht nur für das Japanische Zielpublikum: „Geständnisse“ (DVD 2010) war 2011 als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert. Geholt hat ihn sich letztlich aber Dänemark mit „In einer besseren Welt“ (DVD 2010).

 Also: Mut auch mal etwas zu probieren! Ein japanisches Drama? Ein schwedischer Horrorfilm? Ein Amerikanischer Film mit Mel Gibson in einem mexikanischen Gefängnis? Why not? Difference makes the Unterschied.

 Story/ Rache 1. Phase

Yuko Moriguchis Tochter Manami ist tot. Sie ertrank im Pool der Schule, in dem ihre Mutter als Lehrerin mit Herz und Seele arbeitete. Sie ertrank, weil sie auf ihre Mutter warten musste, während diese noch die letzte Klasse des Tages unterrichtete. Sie ertrank, weil ihre Mutter keinen Kindergartenplatz finden konnte und sie deshalb mit in die Schule nahm. Sie ertrank weil der Hund vom Nachbargrundstück mit dem kleinen Mädchen gespielt hat. Sie ertrank weil keiner da war.

 Und sie ertrank, weil zwei Schüler sie ermordet hatten.

Als Yuko Moriguchi an diesem letzten Schultag vor den Sommerferien in die Klasse kam, ahnte noch keiner der Schüler, dass dies der Beginn eines Katz und Maus Spiels werden würde, an dessen Ende das Leben nicht nur einer Lehrerin, sondern vieler Schüler und ihrer Familien zerstört werden würde. Sie bittet die lärmende Klasse um Ruhe. Sie stellt sich an ihr Lehrerpult, legt ihre Unterlagen auf den Tisch, sieht sich um und offenbart, dass sie selbst heute ihren letzten Tag als Lehrerin hier haben würde. Die Umstände des Todes ihrer Tochter, sowie die schwere AIDS Erkrankung ihres Ex-Mannes ließen ihr keine Kraft mehr. Sie bedankt sich bei den Schülern und gibt einige Anekdoten wieder, bis sie ernst wird: „Es war kein Unfall. Sie wurde von Schülern dieser Klasse ermordet.“ Das Blut gefriert und es herrscht totenstille. „Ich werde die Namen der beiden Schüler hier nicht nennen – die Anklage überlasse ich euch. (…) Jedoch habe ich die Milch, die ihr alle getrunken habt, mit dem Blut meines HIV Infizierten Mannes kontaminiert. Aber selbstverständlich nur bei den beiden Schülern, die schuldig sind.“ Die beiden Schüler A und B verfallen sofort in Panik, woraufhin sie sich selbst enttarnen. So beginnt die erste Phase.

Rache 2. Phase / Schüler B

Als der Sommer zu Ende ist kommt Schüler B nicht mehr in die Schule. Er schließt sich ein, lässt niemanden an sich heran und wäscht sich nicht aus Angst vor seiner vermeintlichen HIV Infizierung. Jede körperliche Annäherung seiner Mutter entgegnet er mit Aggressivität und blindem Amok. Er verfällt zusehends und nähert sich dem Wahnsinn. Der neue Klassenlehrer will helfen und ihn unterstützen – er lässt (unwissend von der ganzen Geschichte) die gesamte Klasse Briefe schicken und Plakate malen. Er kommt täglich und bringt die Hausaufgaben und er lässt eine Schülerin immer wieder nach dem Rechten sehen – unwissend, dass selbst dieser Enthusiasmus von der Lehrerin Moriguchi geplant war, um Schüler B permanent mit seiner Tat zu konfrontieren, bis dieser schließlich….

Rache 2. Phase / Schüler A

Schüler A hingegen ist schwerer zu knacken. Er ist hochintelligent und sieht sich selbst als Sohn einer Wissenschaftlerin verpflichtet klüger zu sein als alle anderen. Seine Mutter hatte ihn verlassen und so lebt er, trotz seiner Alters, bereits alleine und ohne Familie oder Freunde. Natürlich hatte er den Plan der Lehrerin durchschaut. Natürlich weiß er, dass sich HIV nicht durch Milch übertragen lässt. Natürlich nutzt er seine vermeintliche HIV Infektion, um sich die anderen Schüler vom Hals zu halten, die ihn im neuen Schuljahr keine ruhige Minute lassen. Natürlich ist er klug und vorausschauend und hat als Drahtzieher des Mordes alles bedacht – nur nicht seine eigene Schwäche. Die Lehrerin kennt ihn gut und hat alles in die Wege geleitet, ihn mit einem jungen Mädchen zu verkuppeln. Wohl wissend, dass dieses Mädchen selbst genau so wahnsinnig ist, wie der Junge. Phase 2 beginnt mit einer jungen Liebe und endet mit…

Rache 3. Phase Schüler A

Da Schüler A wesentlich klüger als B ist, musste die Lehrerin noch eine dritte Phase einleiten. Sie erfüllte dem Jungen seinen Traum, der sich nichts sehnlicher wünschte, als dass seine Mutter zu ihm zurück käme. Seine Mutter würde kommen, um seine Größte Erfindung und Leistung zu bewundern. Nach einem Jahr voller Mobbing und Verletzungen, seelischem Druck und Isolation und nach seiner Liebschaft mit einer Psychopathin fasst A den Plan, zusammen mit seiner Schule in die Luft zu fliegen. Ein fulminantes Finale für eine missratene Kindheit. Er hatte wieder einmal alles eingeplant – nur nicht die Weitsicht der Lehrerin, die nie zulassen würde, dass ihre ehemaligen Schüler verletzt würden. Nein – sie wollte A zerstören, ihn aber nicht töten. A und B sollten leben mit ihrer Schuld und den Ergebnissen der Rache, so wie auch sie leben musste ohne ihre Tochter und ihren Mann. Sie hatte nichts mehr zu verlieren und diesen Zustand will sie auch für A und B.

 Das große Finale

Nach den Rachephasen und ihren richtig vorhergesehenen Ergebnissen macht sich die Lehrerin bereit für ihr großes Finale. Die Bühne liefert ihr Schüler A, zudem auch den großen Knall am Ende. Nur, dass dieser Knall nicht dort sein wird, wo ihn A erwartet. Mitten vor der versammelten Schule, nach einer pseudo-emotionalen Reden will A es zu Ende bringen, doch nichts passiert. Die Lehrerin ruft ihn an und sein echter Alptraum beginnt, als sie ihm alle ihre Schritte erklärt und ihn so vor seine eigene Unwissenheit und Dummheit stellt. Das Einzige womit man ein Genie vernichten kann, ist durch seinen eigenen Hochmut. Die Lehrerin hat alles vorhergesehen was passieren würde, sie hat alles antizipiert was A und B machen würden. Und am Ende hat sie ihre Rache: sowohl A als auch B sind zerstört – doch sie leben. A bricht zusammen und sieht sich vor den Trümmern seines noch jungen Lebens. Er wird verhaftet und wird niemals die Chance kriegen sein Genie der Welt zu präsentieren.

 Technische Aspekte

Der Film wirkt stets unterkühlt und die Kameraführung ist ruhig und steril. Es werden wenig bis keine Experimente gewagt. Das Bild soll schlicht und ergreifend das widerspiegeln was passiert. Diese Ruhe im Bild jedoch, zusammen mit den langgezogenen Szenen und der zumeist fehlenden Hintergrundmusik erzeugt nicht nur Spannung, sondern schier nerven zerreibenden Druck auf den Zuschauer. Es fehlen viele Emotionen, doch gerade dass lässt einen schaudern und frösteln.

 Der Ton ist sehr dezent und kaum merklich. Auch hier sucht man vergeblich nach einer Anleitung, was man denn jetzt fühlen soll. Die Synchronisation ist sehr gut, sowohl technisch wie auch von der Qualität der Synchronsprecher. Hier und da ist der Sprechtext etwas klumpig übersetzt, doch die japanische Sprache hat nun mal viele Eigenheiten, die sich sehr ungern übersetzen lassen.

 Die Darsteller, selbst die jungen, sind alle nahtlos gut. Zwar hilft der sterile Stil des Filmes ihnen dabei, doch sowohl A als auch B und alle Nebencharaktere spielen überzeugend und ohne unnatürlich zu wirken. Takako Matsu als Leherin Moriguchi ist fabelhaft – obwohl ihr im Film nicht oft die Gelegenheit gegeben wird zu glänzen. Doch die Liebe zu ihrem Mann und Kind, die nie explizit gezeigt wird, ihre Verzweiflung und Schmerz nach dem Tod der Tochter und schließlich ihre Dämonenhafte Ruhe und Abgeklärtheit bei der Durchsetzung des Planes – alles spielt sie mit einer schaurig Schönen Überzeugung, die nicht nur in Japan ihres gleichen sucht.

 Die Regie hat sich bemüht den subtilen Charakter von Moriguchi klar zu machen, ohne es explizit werden zu lassen. Die ruhigen Schnitte und die fast schon perfid – sanfte Führung der Charaktere lässt den Zuschauer erzittern. Skrupellosigkeit ist da kein Wort – das Duell zwischen A und der Lehrerin auf einem so hohen Level der nicht-Offensichtlichkeit sucht seines gleichen. Zudem bietet das Drehbuch, welches auf einem Roman von Kanae Minato basiert, den Stoff für eine epische Schlacht ganz ohne Orks oder Todesser. Die Dinge, die geschehen sind alle im Verborgenen und ebenso die Fäden, die von der Lehrerin gezogen werden, werden erst am Ende des Filmes im großen Finale enthüllt. Der Spannungsbogen und dieses unglaublich geschickte Versteckspiel mit dem Zuschauer macht das Drehbuch zu einem der Besten der letzten Jahre und auf jedem Fall einem der Top10 der modernen Filme Japans.

 Fazit

„Geständnisse“ (DVD 2010) ist ein versteckter und verkannter Diamant – zumindest in Deutschland. Die Oscar Nominierung sowie die Prämierung auf Filmfesten in Toronto und sowie die Auszeichnungfür die Beste Regie 2011 der Japan Academy zeugen von der Qualität des Werkes.

 Die Darsteller sind allesamt überzeugend, die Technik ebenso und die Hauptdarstellerin Takano Matsu ist im Diamant der Diamant. Das Drehbuch ist eng gesponnen und kann sich ohne Probleme auf den weltweiten Bestenlisten zeigen. Ohne Frage ist „Geständnisse“ (DVD 2010) eine Film, der durch seine Kunstfertigkeit sowie seine Qualität in keinem Regal fehlen sollte, insofern man gute Filme mag.

Fazit

Subtile- schaurig - grausam - ehrlich - skrupellos - emotional - gnadenlos - und mit einer Hauptdarstellerin, die in den ersten Filmminuten jeden in ihren Bann zieht. Darf in keiner gut gefühlten Filmesammlung fehlen!

Gesamtwertung

94%

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