Ob göttliche Vorbilder im Superheldenkino oder tiefgründige Symbolik im Programmkino: Die griechische Sagenwelt fasziniert das Filmschaffen seit jeher. Das Film Festival Cologne (FFCGN) hat eine Auswahl sehenswerter Neuinterpretationen zusammengestellt, die antike Stoffe wie die Odyssee, den Orpheus-Mythos oder die Medea-Tragödie in moderne Szenerien übertragen. Wir stellen dir die Highlights der Streaming-Empfehlungen genauer vor.
Vom Kriegskontrakt bis zum Roadtrip im US-Süden Ein Klassiker unter den modernen Mythos-Adaptionen ist "Der Blick des Odysseus" (1995) von Theo Angelopoulos. Darin begibt sich ein von Harvey Keitel gespielter Regisseur auf die Suche nach drei verschollenen Filmrollen. Seine Reise führt ihn durch die vom Balkankrieg zerstörten Länder bis ins belagerte Sarajevo – eine beschwerliche Irrfahrt, die wie Homers Epos nach Identität und Heimat fragt. Für dieses Werk erhielt Angelopoulos in Cannes den Großen Preis der Jury.
Einen völlig anderen Ton schlagen Joel und Ethan Coen in "O Brother, Where Art Thou?" (2000) an. Ulysses Everett McGill (George Clooney) flieht mit zwei Mithäftlingen durch die US-Südstaaten der 1930er-Jahre. Auf dem Weg begegnen sie Sirenen, Ku-Klux-Klan-Anhängern und skurrilen Figuren. Die Coen-Brüder verweben die Abenteuer des Odysseus gekonnt mit Folk, Bluegrass und schwarzem Humor.
In "Chi-Raq" (2015) greift Spike Lee wiederum auf die antike Komödie "Lysistrata" von Aristophanes zurück. Er verlegt das Geschehen an die von Bandengewalt geprägte South Side von Chicago. Um die Gewalt zu stoppen, treten die Frauen in den Sexstreik. Lee nutzt die dramatische Vorlage, um drängende gesellschaftliche Probleme wie Waffengewalt und Rassismus anzusprechen.
Narzissmus, Tragik und göttliche Satire Auch im psychologischen Kino hinterlassen die alten Griechen Spuren. Nicolas Winding Refn variiert in "The Neon Demon" (2016) den Mythos von Narziss. Das Nachwuchsmodel Jesse (Elle Fanning) taucht in die oberflächliche Welt der Modeindustrie in Los Angeles ein, wo Schönheit und Authentizität auf fast kannibalistische Weise ausgebeutet werden.
Céline Sciamma widmet sich in "Porträt einer jungen Frau in Flammen" (2019) der Sage von Orpheus und Eurydike. Die Malerin Marianne und die Adlige Héloïse verleben im Frankreich des 18. Jahrhunderts eine verbotene Liebe. Der bewahrende Blick zurück, den das Werk thematisiert, macht die Erinnerung durch die Kunst zu einem zentralen Motiv.
Regisseurin Alice Diop greift in ihrem Justizdrama "Saint Omer" (2022) den Medea-Mythos auf. Der Film schildert den Prozess gegen eine Immigrantin, die ihr Kind tötete, und untersucht Schuld sowie gesellschaftliche Entfremdung, ohne vorschnelle Urteile zu fällen. Der Film gewann in Venedig unter anderem den Großen Preis der Jury.
Mit "Beau Is Afraid" (2023) schickte Ari Aster seinen Protagonisten (Joaquin Phoenix) auf eine Wahnwitz-Irrfahrt voller ödipaler Anspielungen. Wer es lieber episch und satirisch mag, findet in der Netflix -Serie "KAOS" (2024) von Charlie Covell eine moderne Aufarbeitung der Götterwelt: Jeff Goldblum glänzt hier als paranoider Zeus, der um seine Macht fürchtet.
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