Gemessen am Namen eines Albums, sollte ein „Koloss“ einen immensen Schatten auf eine Diskographie eines Interpreten werfen. Im Falle von „Meshuggah“ scheint sich dies zu bestätigen. Aber nehmen wir zunächst „Meshuggah“ selbst unter die Lupe, denn die Ansätze zwischen den Umschreibungen „Gewohnheit.“ und „Absolutly mindblowing!“ liegen hier ganz nah beieinander. Allerdings gibt es im Gesamtbild der Veröffentlichungen nur sehr wenige Abgründe. Ein rauer Gesang und dissonante Gitarrenriffs zeichnen diese Band seit Beginn („Contradictions Collapse“ erschienen im Jahr 1991) an aus. Die meisten Texte sind oft nur auf einer Metaebene zu begreifen und nicht wortwörtlich zu verstehen.

Auf den Spuren einer übergeordneten Macht.

Zu Beginn wird das Konstrukt eines gewaltigen und zugleich philosophischen Wesen aufgebaut, was sich direkt zu erkennen gibt: Der Leviathan. Erkennen kann man ihn schon auf dem Cover, wo er mit einem Hirtenstab (Religiöses Herrschaftssymbol) abgebildet ist, gleichwohl wurde er der Hobbeschen Idee etwas verfremdet bzw. nicht zu hundert Prozent nachgeahmt. Auch wird nicht erklärt, warum es ihn gibt. Man wird direkt in einen Hexenkessel aus Impressionen und Intentionen geworfen, welche bedrohlich und feindselig zu wirken scheinen. „I’m the great Leviathan.“, sind die ersten Textzeilen, die einem beim Eröffnungsstück „I Am Colossus“ um die Ohren geworfen werden. Dabei möchte man ungern darin verwickelt sein, doch wird hier bereits eine hypnotische Kulisse aufgebaut, bei der ein Abschalten kaum mehr möglich zu sein scheint. Wohl auch ein Grund dafür, warum man gänzlich auf eine Einleitung oder ein Intro verzichtet hat, die/das man so oder so vergessen hätte. Nach der etwas holprigen und überstürzten Interpretationsphase aus kommt mit „The Demon’s Name Is Surveillance“ etwas Fahrt auf, wirkt aber durch den Text, der von ständiger Beobachtung einer Maschine die von Menschen erschaffen worden ist, wieder sehr kühl und nah. Verbindet man die Punkte zwischen „I Am Colossus“ und „ The Demon’s Name Is Surveillance“, bekommt man es mit der Macht dieser Kreatur zu tun, die über alles und jeden wacht, alles aus jedem Blickwinkel beobachtet und sich zuerst verachtend gegenüber der Menschheit zeigt, obwohl ihr bewusst ist, dass sie erst durch sie erschaffen worden ist.

Wenn man so über zwei Lieder reden kann, fällt es einem eher negativ auf, warum man sich einfach nur auf das Element der Durchschlagskraft der Instrumente beschränken sollte. Definitiv lädt „Koloss“ auch zum Headbangen ein, aber nur abseits der Texte und der beachtlichen Klangwelt, in der man sich vor seiner Soundanlage verlieren kann. Oder anders gesagt: Wenn man sich dieses Album nur wegen der Thrash Metal-Komponente als reines Thrash Metal-Album vorstellt, könnte man stattdessen auch stupide im Dreivierteltakt auf einem Toaster prügeln. Dafür bieten „Meshuggah“ auf ihrem siebten Studioalbum viel mehr Spielraum.

Hinter der Sonne kommen nur noch gebrochene Knochen.

Behind The Sun“ ist eine gelungene Hasstirade gegen jede Schlange im System und Umkreis des Koloss. Herrschend harrt er aus und holt dann zum vernichtenden Schlag aus, der natürlich trifft. Spätestens bei „Marrow“ weiß man, was man bei „Meshuggah“ eigentlich hat und schätzt: Die unberechenbare Art und Weise wie sie mit dem Hörer, ihren Konzepte und Stilmitteln umzugehen haben. Hier fallen auch Parallelen zu vorherigen Alben (z.B. „Nothing“ aus dem Jahr 2002) auf, die sich eher auf die Stimmung innerhalb der Spielweise beziehen. „Break Those Bones Whose Sinews Gave It Motion“ scheint direkt aus Fragmenten alter Soundschnipsel zu bestehen. Scherzeshalber habe ich zu dieser These „Rational Gaze“ aus dem Album „Nothing“ parallel laufen lassen. Und was soll ich sagen? Es hat in etwa die selbe Struktur. Jedenfalls sind mir beim Hören dieser Mixtur aus alt und neu keine großen Differenzen aufgefallen. Das kann man jetzt positiv als auch negativ auslegen.

Bevor dieses Werk zur Ruhe kommt, wird noch ordentlich an der Daumenschraube gedreht und weiterhin auf Konfrontation gesetzt. „Swarm“ und „Demiurge“ stellen die härtesten Input-Kolosse dar und runden ein vielschichtiges Gesamtbild ab. „The Last Vigil“ ist ein seichtes, verträumtes und rein instrumentales Outro.

Tracklist:

1. I Am Colossus [*]

2. The Demon´s Name Is Surveillance

3. Do Not Look Down

4. Behind The Sun [*]

5. The Hurt That Finds You First

6. Marrow [*]

7. Break Those Bones Whose Sinews Gave It Motion

8. Swarm [*]

9. Demiurge[*]

10. The Last Vigil

In diesem Sinne: Frohes Hören!

[*] = Anspieltipps